Text: Ioanna Grammatikos | Illustrationen: Johannes Schröder

Risse im Boden. Blütenlose Bäume. Vertrocknete Blumen. Sonnenschein. Wolkenloser Himmel. Wärme.
Es ist April.
Es ist April und nicht August!
Nur 5% der üblichen Niederschlagsmenge. Das dritte Dürre-Jahr in Folge. Bauern fürchten
Ernteausfälle.
Wo ist das normal?
„April, April, der macht was er will“. Ja, aber eigentlich heißt das: Es kann alles geben, Regen, Sturm, vielleicht sogar noch Schnee, erste Sonnenstrahlen. Nicht: Sommergefühle und Juliwetter.
Was ist mit dem Frühling passiert?
Der Sprung war krass, von Winter zu Sommer. Haben wir den Frühling schon verloren?
Ja, ich freue mich über die Sonne. Ich genieße die Wärme. Ich tanke gute Laune. Doch ich tue es mit einem bitteren Beigeschmack.
Ich blinzle in die Sonne, das eine Auge lacht, das andere weint, und frage mich, wie wir auf etwas so Schönes wie den Frühling verzichten könnten. Frage mich, ob ich mich über das Wetter freuen darf, oder nicht. Ob ich mich freuen will, oder nicht.
Der Boden ist steinhart. Rasen und Gärten werden per Hand bewässert. Man hört die Pflanzen förmlich lechzen. Was tun wir ihnen an?
Ich kann mich nicht freuen.

Cut.


2020, das Jahr, in dem wir wieder atmen konnten. In dem der Feinstaub aus den Städten verschwunden ist, in dem der Himalaya zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder von Indien aus sichtbar ist. In dem es keinen Smog gibt und keine schlechte Luft.
2020, das Jahr, in dem Schildkröten zum ersten Mal wieder an einem Strand in Thailand schlüpfen, in dem man wieder Fische sehen kann in den Kanälen Venedigs und in dem seltene Tiere wiederkommen.
2020, das Jahr, in dem Deutschland seine Klimaziele erreichen könnte.
Warum?
Weil die durch das Covid-19-Virus ausgelöste Krise unsere Gesellschaft zu einem kurzen Stillstand gezwungen hat. Weil unsere Gesellschaft bedroht war und wir reagiert haben, um uns und unsere Mitmenschen zu schützen. Weil die Virolog*innen vor einer gefährlichen Pandemie gewarnt haben und wir alle zusammen dagegen angekämpft haben.
Nicht etwa, weil wir endlich die Klimakrise anerkannt haben. Nicht etwa, weil wir endlich auf die Klimaforscher*innen gehört haben, die uns schon lange vor einem globalen Aussterben warnen. Nicht etwa, weil wir beschlossen haben, alle zusammen gegen die Klimakrise zu kämpfen.
Aber was wäre, wenn wir das doch tun würden?

Cut.

Ich schaue auf den Boden, fahre mit den Fingern die Risse nach. Die Erde ist trocken und aufgerissen, so wie wunde Lippen, wenn man sie zu lange nicht befeuchtet hat. Wo es dann weh tut, wenn man lächelt. Meine Lippen sind heile, und trotzdem tut es mir weh, zu lächeln. Denn die Erde ist nicht heile.
Ich schaue nach oben und sehe den Himalaya. Noch nie zuvor in meinem Leben konnte ich das, weil unsere Abgase und Ausdünste mir sonst immer die Sicht versperrt haben.
In meinem Gehirn macht es klick.
Der Natur geht es schlecht, wir müssen etwas tun. Die Corona-Krise hat uns nebenbei dazu gebracht, etwas zu tun, der Natur geht es ein Stückchen besser. Es ist so einfach! Wir wissen, was wir machen müssen, wir merken, dass wir es machen können, jetzt machen wir es – und bekämpfen beide Krisen gleichzeitig!
Ich schaue nach links und rechts. Rechts und links. Hat es nur in meinem Gehirn klick gemacht? Was sehen die anderen, was ich nicht sehe? Wieso passiert nichts?
Ich will zu den Menschen laufen, sie wachrütteln. Schütteln und ihnen „wir können es schaffen!“ ins Ohr rufen. Doch sie sind unerreichbar. Ich komme nicht an sie ran. Sie haben Gesichtsmasken auf, die ihre Augen verschließen. Sie haben Kopfhörer im Ohr, die nur „Corona“ in Endlosschleife wiedergeben. Sie haben Desinfektionsmittel auf den Händen, das sie sterilisiert, neutralisiert und fesselt.
Ich renne und renne, suche nach Menschen, die gesehen haben, was ich gesehen habe. Ich stolpere und falle. Der Schlauch einer Bewässerungsanlage. Ich schließe kurz die Augen, öffne sie wieder. Und sehe Risse im Boden.

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