von Flora Jansen | Header © Johannes Schröder

Pia, Henry und ihr Trauzeuge Boris Johnson

Nach drei Jahren Diskussionen im britischen Unterhaus und Verhandlungen mit der EU, ist jetzt Schluss mit dem Brexit-Wirrwarr: Der Austritt aus der EU ist besiegelt. Am 12.12.19 wurde das Unterhaus neu gewählt. Am 19.12.19 erhielt der „Brexit-Deal“, den der Premierminister Boris Johnson der Konservativen Partei, im Unterhaus vorgestellt hatte, eine Mehrheit. 358 der Abgeordneten stimmten für das neue Brexit-Gesetz, nur 234 dagegen. Der Austritt ist nun auf den 31. Januar 2020 datiert.

Europaweit wurde und wird seit dem Referendum 2016 über die neusten Statements der verschiedenen Parteien diskutiert. Die Politik Großbritanniens ist im Mittelpunkt medialer Präsenz. Die Berichterstattung fokussierte Debatten über die wirtschaftlichen Folgen oder die Frage nach der politischen Zukunft der EU nach dem Brexit. Doch eine Frage blieb meist außen vor: Was passiert mit den Menschen? Welche Folgen haben diese machtpolitischen Aushandlungen für Personen, die zufällig in Großbritannien geboren worden sind?

Einer dieser Menschen ist der 30-jährige Henry. Er lebt und arbeitet als Mechaniker seit etwas über zwei Jahren in Deutschland in der Nähe von Münster – mit einer besonderen Leidenschaft fürs Schweißen. Er ist in Wales geboren und hat einen Britischen Pass. Als er im August 2018 Pia (26) auf der Straße auf seiner Suche nach einer guten Kneipe ansprach, nahm sein Leben jedoch eine kleine Wendung. Die beiden lernten sich besser kennen und verliebten sich ineinander. Pia kommt ursprünglich aus Münster, lebt und studiert nun aber im siebten Semester Sozialwissenschaften in Fulda mit dem Schwerpunkt „interkulturelle Beziehungen“.

© privat

Ich habe Pia im August letzten Jahres auf einer Radtour durch Deutschland per Couchsurfing getroffen. Sie hat mir damals von ihrer gemeinsamen Geschichte erzählt, welche mich inspirierte, hinter die Kulissen der Brexit-Debatte zu blicken. Daher will ich den beiden Raum geben, ihre Geschichte zu teilen.

Sie erzählt davon, wie Pia und Henry die Brexit-Situation erleben. Zum Zeitpunkt des Interviews ist weder klar, ob es wirklich einen Brexit geben soll oder welche konkrete Folgen er für das Leben der Beiden haben würde.

Schon im Dezember 2018, als Pia Henry an Weihnachten ihrer Familie vorstellte, wurde die anfängliche Leichtigkeit auf die Probe gestellt. Sofort wurden sie von allen mit der Brexit-Frage konfrontiert: „Was macht ihr denn ab März?“ (29.3.19 stand als vorläufiges Brexit-Datum fest). Vorerst ließen die beiden sich dadurch wenig aus der Ruhe bringen, erzählt sie mir, „Wir zuckten die Schultern und befassten uns vorerst nicht weiter damit. März schien so weit weg zu sein. Schon da häuften sich die Witze mit ‚Dann müsst ihr eben heiraten‘.“ Was sie an Weihnachten noch auf die leichte Schulter nehmen konnte, brachte Pia in den folgenden Monaten zum Nachdenken. Sie besuchte im Zuge ihres Studiums ein Seminar zum Thema Brexit bei einer Dozentin aus Großbritannien. Außerdem befasste sie sich aufgrund einer Klausur über die Internationalen Bezüge des Rechts mit den rechtlichen Unterschieden zwischen Drittstaatenangehörigen und EU-Bürgern.

Sie beschreibt: „Schnell war klar, dass Henry wenig Chancen haben würde nach einem harten Brexit ohne Probleme in Deutschland zu bleiben: Nicht hochqualifiziert, kein Student (und auch keine Einschreibung möglich), kein Asylsuchender, keine Familienangehörigen. Mit dieser Erkenntnis beschlossen wir im Februar 2019 uns über eine Eheschließung zu informieren.“

Der Weg dorthin war zwar politisch motiviert und trieb diese lebensverändernde Entscheidung voran, doch vor allem wollten Pia und Henry mehr Sicherheit haben. Sie wollten, egal wie die Entscheidung in London ausgehen würde, in einem Land zusammenleben können. „Für uns war klar: Wir wollten zusammen sein. Wie und in welchem Land – das käme erst viel später.“

So unterstützend ihre Familien und Freunde es auch aufnahmen, schwingt in Pias Worten auch mit, wie verrückt und absurd die enorme Geschwindigkeit, Entscheidungen zu treffen und zu handeln, gewesen sein muss. „Wir kannten uns ja erst seit August und auf einmal stand das Wort „Hochzeit“ im Raum.“ Nachdem die Entscheidung für eine Hochzeit gefallen war, wurde der Druck für die beiden jedoch nicht milder. Neben „Papierkram“, der möglichst schnell abgehandelt werden musste, war der Zeitfaktor immer präsent: „Viel Schlimmer war aber, dass uns die Zeit im Nacken saß: Am 31.März sollte der Brexit stattfinden.“ Als dann die Entscheidung der Verschiebung des Brexit-Datums auf Ende Oktober beschlossen wurde, war die Erleichterung groß.

Durch den plötzlichen persönlichen Bezug hatten die politischen Entscheidungen für Pia und Henry plötzlich eine ganz andere Tragweite. In ihren Worten wird das Gefühlskarussell deutlich, das die beiden mit den Aushandlungsprozessen und dem ewigen hin und her der Politiker*innen erlebt haben:

„Ich habe mich in den Monaten Anfang des Jahres zwischenzeitlich sehr machtlos gefühlt. Wir warteten auf Nachrichten, Entscheidungen im Parlament, der Rücktritt von Theresa May und dann Boris Johnson, der Premierminister wurde. Zwischenzeitlich war ich so wütend, dass ich nicht wusste, wohin damit. Sind die Briten schuld, dass sie sich nicht einigen können? Oder die EU, die auch keine Entscheidung trifft und jede weitere Verschiebung abnickt, ohne zu handeln? Oder die deutsche Regierung, die zwar sagt „Die Briten können bleiben“, es aber nirgendwo festgehalten wird, welche Voraussetzungen an dieses „Bleiben“ geknüpft sind.
Es geht ja nicht nur um ihn und mich. Es geht um hunderte von Menschen, die gerade nicht wissen, was nach dem 31. Oktober kommt und ob sie ihr Leben auf den Kopf stellen müssen.“

 „Sai doch, wer du willst“, sage ich und frage, „Wer wärst du, wenn du sain könntest, wer du willst?“ Ihre Antwort war für mich ein trauriges und hoffnungsfrohes Statement zugleich – da ist auf der einen Seite die Unsicherheit aufgrund politischer Entscheidungen, auf der anderen die bedingungslose Sicherheit, dass sie zusammenbleiben werden.

„Was wir beide möchten: Zusammenziehen! Die Unsicherheit über unsere Zukunft, wo Henry wohnen und arbeiten kann, hält uns gerade zurück, den nächsten Schritt zu wagen. Wir möchten endlich als Ehepaar eine gemeinsame Wohnung haben und nicht mehr länger nur die Wochenenden zusammen verbringen. Wir wollen an den Wochenenden im umgebauten Van an die Küste fahren, bei Sonnenaufgang Kaffee trinken und danach in Wetsuits auf unsere Boards.“

Und Henry? „Henry wäre gern Spiderman“ – verständlich. Wie schön wäre es doch, einmal selbst die Macht über die Geschehnisse zu haben und die Fäden der eigenen Zukunft spinnen zu können! Das wäre Henry und Pia wirklich zu wünschen!


Nachtrag: Seit dem 1.12. lebt Henry nun in Bleskengraaf, Niederlande (Großraum Rotterdam) und Pia plant derzeit im April ebenso dorthin zuziehen.

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