Text und Bilder von Anna Trunk 

Was der Baustoff Zement mit Klimagerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen zu tun hat.

Ich lasse den Blick schweifen, um mich (wieder) zu finden zwischen Himmel und Boden – umringt von Betonbauten. Willkommen inmitten urbaner Wirklichkeiten! Woraus all diese Gebäude, Straßen, Gehsteige und Brücken bestehen, habe ich mich noch nie gefragt. Nun wächst aber doch, als Neugierde getarnt, die Notwendigkeit das scheinbar Alltägliche zu hinterfragen: Woraus ist sie nun eigentlich erbaut, diese mir vertraute Welt?

Anna Trunk 

Worauf stehst du eigentlich?

Beton ist die nach Wasser meistgenutzte Substanz überhaupt und kommt auf Baustellen auf dem gesamten Globus zum Einsatz. Hergestellt wird sie unter anderem aus Zement, einem anorganischen, nichtmetallischen Baustoff. Dieser wiederum wird unter hohem Energieaufwand aus den Rohstoffen Kalkstein, Ton, Sand und Eisenerz gewonnen. Ergebnis des Prozesses ist ein äußerst widerstandsfähiger und zudem vielseitiger Baustoff. Kein Wunder, dass er sich erfolgreich durchgesetzt hat und aus heutigen Alltagswelten kaum mehr wegzudenken ist. Woher aber kommt diese Substanz, mit der wir tagtäglich interagieren und die dennoch zur Zerstörung unserer Lebensgrundlage beiträgt?

Ohne Land kein Leben.

Kendeng, Ost Java, Indonesien: Lokale Aktivist*innen, viele davon Angehörige der Minderheit der Samin, protestieren gegen die Errichtung einer Zementfabrik im Kendeng–Karstgebirge. Sie fürchten die Zerstörung des fragilen Ökosystems von, mit und in dem sie – zumeist als Bäuer*innen – leben. Die unmittelbaren und langfristigen Folgen des Rohstoffabbaus für die Zementherstellung würden die Lebensgrundlage der Menschen zu Nichte machen. Der Verlust des Ackerlands hätte verheerende soziökonomische sowie soziale Konsequenzen. Denn ohne fruchtbares Land kein Leben – weder in Kendeng, noch irgendwo. Von drohenden Enteignungen und weiteren, im Rahmen der Umsetzung des gigantischen Projekts drohenden Menschenrechtsverletzungen und Untergrabungen der Rechte indigener Bevölkerungsgruppen, ganz zu schweigen. 

 JPKK (Jaringan Masyarakat Peduli Pegunungan Kendeng)

Doch nicht nur für menschliche(s) Leben birgt der Bau einer Zementfabrik in diesem Gebiet erhebliche Gefahren. Das Kendeng Gebirge ist ein, in einer tropischen und niederschlagsreichen Region gelegenes Karstgebirge. Es ist ein besonders artenreiches und sensibles Ökosystem und bietet Raum für speziell angepasste Lebewesen. Flora und Fauna sind hier so einmalig, wie komplex. Auf Veränderungen, zum Beispiel auf Grund von Wasserverunreinigungen im Zuge von Rohstoffabbau, würde dieses System sehr empfindlich reagieren. Dennoch wird dieses umstrittene und gefährliche Vorhaben von Indocement vorrangetrieben, der indonesischen Tochterfirma der HeidelbergCement AG. 

Schluss mit diesem Echt. Stark. Grün.

Heidelberg, Baden-Württemberg, Deutschland: Wir – 150 junge Menschen – haben uns auf der Neckarwiese versammelt, vor uns throhnt stoisch das Hauptgebäude des Konzerns HeidelbergCement. Trommeln geben den Rhythmus an, viele Menschen haben Plakate und Musikinstrumente mitgebracht: Präsenz zeigen und laut sein ist die Devise – alles friedlich, mit Maske und 1,5 m Mindestabstand, versteht sich. Anlass der von Fridays for Future Heidelberg organisierten Kundgebung ist die virtuelle Aktionär*innenversammlung der HeidelberCement AG. Zahlreiche Heidelberger*innen und Aktivist*innen unterschiedlicher Gruppierungen wie Robin Wood, Extinction Rebellion, Wurzeln im Beton, dem Klimakollektiv Heidelberg, Watch Indonesia und Save Kendeng– haben gemeinsam zu dieser  Protestaktion aufgerufen. Sie demonstrieren ihren Unmut über die Machenschaften des Heidelberger Großkonzerns.  Zwei Aktivist*innen der NGO Robin Wood spannen zwischen zwei Laternenmasten ein Banner mit der Aufschrift „echtkatastrophal / stark klimaschädlich / grün washing“auf – eine zynische Hommage an die selbstattestierte Klimaverträglichkeit von HeidelbergCement. „Echt. Stark. Grün.“ lautet nämlich der Solgan der Nachhaltigkeitsstrategie von HeidelbergCement – siehe auch https://www.heidelbergcement.de/de/zement

Auch die, im Kontext der Zementproduktion deutlich zu Tage tretenden, strukturellen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen globalem Norden und Süden werden adressiert. Gewinne fließen größtenteils in die Taschen westlicher Konzerne. Deren Interessen werden zur Not auch gewaltsam, und nicht selten in Kooperation mit korrupten Eliten und Regierungen, gegenüber der lokalen Bevölkerung durchgesetzt. Die Forderungen sind vielseitig, sowie entschlossen: Schluss mit Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung und Green Washing

Mein Leben und ich in einer zementierten Welt.

Direkt meldet sich die kritische Stimme in meinem Kopf zu Wort. Sie erinnert mich daran, wo und wie ich lebe – und welchen Anteil dieser Standard, die hier etablierte Lebensweise, an der buchstäblichen Zementierung der Welt nimmt. Wenn wir darüber sprechen, dass Zement den Menschen und der Umwelt erhebliche Schäden zufügt, dann müssen wir auch darüber nachzudenken, welchen Beitrag ein – unser – exorbitanter Lebensstil dazu leistet. So kann ein „grünerer“ Zement nicht nur ein, von HeidelbergCement für die zukünftige Produktion versprochen, Klima verträglich(er) hergestelltes Produkt sein. „Grüner“ muss in diesem Kontext schlichtweg auch „weniger“ bedeuten. Weniger Bauboom, weniger Bodenversiegelung, weniger Profit, weniger Wachstum, weniger Kapitalismus – für mehr geteilten Lebensraum, mehr Bewegungsfreiheit, mehr Ackerland, mehr Empathie, mehr gemeinschaftliches Wohnen, mehr Leben. Denn schlussendlich sind der Baustoff Zement sowie HeidelbergCement Teil eines größeren Problems – und in erster Linie Symptome eines kapitalistischen und neokolonialen Gesamtsystems zerstörerischer Kraft, das Profit über Leben stellt.

Wir sind nicht alleine hier.

HeidelbergCement belegt nach RWE Platz zwei der klimaschädlichsten DAX Unternehmen überhaupt: Riesen Profite und riesen Schweinereien gehen auf diese Weise Hand in Hand. Ins Gewicht fallen dabei nicht nur die exorbitanten CO2 Emissionen bei der Zementproduktion selbst (8% der weltweiten CO2 Emissionen – und damit 4 Mal soviel,- wie durch den internationalen Flugverkehr versursacht wird) sowie die Zerstörung ganzer Landstriche zum Abbau der dafür benötigten Ressourcen. Auch das Erbauen immer neuer Gebäude und Straßen richtet vielseitige Schäden an. Immer mehr Bodenfläche wird so versiegelt – fruchtbares Ackerland und Vegetationsflächen gehen verloren. Das hat auch erhebliche Auswirkungen auf den Wasserhaushalt, die Kühl-/ Hitzeregulation sowie das gesamte Ökosystem Boden. 

 JPKK (Jaringan Masyarakat Peduli Pegunungan Kendeng)

Geld allein macht nicht satt.

Doch wir Menschen vergessen gerne: der Boden ist nicht nur der Grund auf dem wir stehen und bauen – sondern ein komplexes System und Lebensraum unzähliger Arten. Wir sind nicht alleine auf dieser Welt, auch wenn unsere Verhaltensweisen das oftmals vermuten lassen könnte. Was aber bleibt übrig – von und für uns – wenn sich Denken und Handeln nicht auf grundlegende Weise verändern? Denn so vielseitig Zement auch sein mag, (er)nähren kann es uns nicht – genauso wenig wie Geld allein. In ihrem Brief an die HeidelbergCement Aktionär*innen formuliert die indonesische Bäuerin und Aktivistin Gunarti daher: „Eines Tages habt ihr nur noch Geld, aber die Bauern geben euch nichts mehr zu essen, die Erde kein Wasser mehr. Was dann?“ Eine gute Frage, über die es sich (nicht nur) angesichts der steigenden Aktienkurse des Heidelberger Baustoffgroßkonzerns ernsthaft nachzudenken lohnt.

Laut und sichtbar sein. Gemeinsam. Solidarisch.

Deshalb protestieren nicht nur auf der Neckarwiese in Heidelberg, sondern auch in Indonesien Aktivist*innen seit Jahren gegen diese Ausbeutung. Ihr gemeinsames Ziel ist es, das Thema sichtbar zu machen – auch wenn das Ausmaß der Betroffenheit dabei unterschiedlich groß ist. Denn unsere Lebensgrundlage, also die deutscher* Klima-, Menschenrechts- und politischen Aktivist*innen, ist nicht (direkt) vom Zement bedroht – ganz im Gegensatz zu unseren indonesischen Freund*innen und auch von den Klimafolgeschäden sind und werden Länder des globalen Südens in stärkerem Maße betroffen (sein).

Anna Trunk 

Zukunft braucht Einmischung.

Trotzdem, oder gerade deshalb, erheben wir unsere privilegierten Stimmen, um auf Probleme hinzuweisen und die öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was (weltweit) schief geht – und welchen Anteil (auch) deutsche Großkonzerne daran haben. Indem wir uns mit Menschen über Grenzen, Kontinente und Ozeane hinweg solidarisieren, löst sich keinesfalls das Dilemma der eigenen Privilegiertheit – aber zumindest ist es eine Positionierung gegen herrschende, Zerstörung und Ausbeutung verursachende Strukturen. Diese Einmischung – im Sinne eines Auftretens mit und Eintretens für andere – mag auf eine Weise die einzige Möglichkeit sein, der Gegenwart realistisch zu begegnen und die Zukunft mit (um) zu gestalten.


Einige Tipps zum Weiterlesen

WatchDog Dokumentation „Samin vs. Semen“ (Version mit deutschem Untertitel): https://www.youtube.com/watch?v=EUE9D0wzJ3s

Offener Brief von Gunarti vom 29. Mai 2020 – “Hört doch einmal ganz tief in euer Herz hinein, versucht zu fühlen, was wir fühlen” – Appell an die Aktionär*innen von HeidelbergCement“: https://www.watchindonesia.de/20846/hoert-doch-einmal-ganz-tief-in-euer-herz-hinein-versucht-zu-fuehlen-was-wir-fuehlen-appell-an-die-aktionaerinnen-von-heidelbergcement?lang=de.

Gemeinsame Presseerklärung von Watch Indoensia und Robin Wood zur Aktion gegen Heidelberg Zement am 4. Juni 2020: https://www.watchindonesia.de/20852/auf-leid-von-menschen-und-natur-gebaut?lang=en

Pressemitteilung von Robin Wood – „Auf Leid von Mensch und Natur erbaut“: https://www.robinwood.de/pressemitteilungen/auf-leid-von-menschen-und-natur-gebaut

Pressemitteilung des Dachverbands kritischer Aktionär*innen: https://www.kritischeaktionaere.de/category/heidelbergcement/

TAZ Gäst*innenbeitrag von Paula Zahl und Line Niedeggen (beide aktiv bei Fridays For Future Heidelberg)„Gegen schmutzige Geschäfte“: https://taz.de/HDCement-Hauptversammlung-am-46/!170992/


Out Take: Wer schreibt denn da?

Ich, Anna, schreibe hier als Ethnologiestudentin mit Hang zum Dekonstruktivismus. Mich interessiert, was hinter den Tatsachen und ‚Wahrheiten‘ steckt, die wir als gegeben – als ‚Normalität‘ – betrachten. Mein Interesse an und Bezug zu Indonesien erwächst eindrücklichen Erfahrungen und Begegnungen, die ich im Rahmen meines Auslandssemesters in Yogyakarta, Indonesien machen durfte. In diesem Kontext knüpfte ich Kontakte zu indonesischen Studierenden und Aktivist*innen. Über die in Deutschland ansässigen und tätigen NGOs Watch Indonesia und Robin Wood wurde ich auf die Problematik der Zementproduktion im Kendeng-Gebirge aufmerksam.


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