Text: Jan Goldmann | Illustrationen: © Lena Leitner

Handyfrei in einer Welt ständiger Erreichbarkeit

Jede*r hat Talente. Mit Sicherheit. Auch wenn viele hochtalentierte Menschen, also wir alle, es nicht unbedingt zugeben oder gar sehen wollen: Wir alle haben Talente. Talente drücken sich nur nicht unbedingt immer in der von uns gewünschten Form aus. So träumen sicherlich viele davon, große Zeichner*innen, Sänger*innen, Musiker*innen oder Sportler*innen zu sein, aber gelingen tut das leider nur wenigen. 

Es sind oft viel kleinere, unscheinbarere Dinge, die uns zu den fantastisch divers talentierten Menschen machen, die wir sind. Ich für meinen Teil besitze zum Beispiel das Talent in auffällig regelmäßigen Abstand mein Handy zu verlieren, fallen zu lassen, zu verlegen oder mir stehlen zu lassen. Gut, zugegebenermaßen möchte man das jetzt vielleicht nicht direkt als Talent bezeichnen, aber wenn man sich nur kurz mit der Definition von eben dessen auseinandersetzt, denkt man anders. Googles Wörterbuch definiert Talent als eine „Begabung, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, besonders auf künstlerischem Gebiet befähigt“. Vielleicht keine besonders künstlerische, aber mit Sicherheit eine überdurchschnittliche Leistung ist meine Fähigkeit des Handy-verschwinden-lassens nämlich ganz bestimmt. 

Ich habe daher beschlossen das Ganze nicht mehr als ein Defizit, sondern als ein spezielles Talent zu bezeichnen. Macht die ganze Sache gleich viel schöner. Beispielsweise anstatt wie früher zu sagen, ich habe letzte Woche mal wieder mein Handy verloren, kann ich jetzt mit stolzem Selbstbewusstsein bekunden, in geplanter Zeitperiode eins meiner Talente ausgespielt zu haben. Wundervoll. Darauf setzt häufig aber etwas weiteres ein, das sich etwas schwieriger als ein Talent, aber durchaus als etwas Menschliches bezeichnen lässt: Faulheit. Um es romantischer auszudrücken: Nun liegt die Darbietung meines ungewöhnlichen Talentes bereits ein knappes Dutzend Erdumdrehungen hinter mir, doch die mobile Unerreichbarkeit meinerseits bleibt konstant. Um es kurz zu sagen: Ich habe seit elf Tagen kein Handy mehr. Elf Tage hören sich erstmal nicht nach viel an. Für einen Menschen mit starken Zügen einer Handy-Abhängigkeit sind elf Tage jedoch eine halbe Ewigkeit. Stress, Enttäuschung, Wut, Trauer, Erkenntnisse, Sinneswandel und Befreiung gebündelt in diese Ewigkeit von elf Tagen. Dazu möchte ich anmerken, dass ein weiteres meiner Talente bestimmt darin liegt, mich hier und da der Übertreibung zu bedienen. Nichtsdestotrotz sind es doch elf interessante Tage, von denen ich gerne ein wenig, sehr kurz gefasst erzählen möchte. 

© Lena Leitner


Tag 0: Naives Selbstbewusstsein 

Tag 1: Enttäuschung 

Tag 2: immer noch Enttäuschung 

Tag 3: Online checken wie viel ein Smartphone kostet 
Tag 3, Sieben Minuten später: noch größere Enttäuschung, Tendenzen zu Wut und Vorwürfen gegenüber Großkonzernen und Monopolbildung 
Tag 3, noch später: langsam mal bei Facebook ankündigen: das Handy ist weg (alles auf einen Taschendieb schieben)

Tag 4: Aufwachen ohne Wecker: spät 
Tag 4: Aufwachen ohne Instagram: ungewohnt 

Tag 5: Verabredung verpasst, ich stand vorm falschen Laden: Tendenz von Wut schwappt über zu tatsächlicher Wut 
Tag 5, später: ich finde mich in der Einführungsliteratur zu Marx’ „Kapital“ wieder 

Tag 6: Instagram ist inzwischen nebensächlich, ich will einfach nur kurz durchrufen ob ich diesmal vorm richtigen Laden stehe. 
Tag 6, kurz später: Klapphandys sind cool.

Tag 7: Oh, schon wieder Wochenende 
Tag 7, am Abend: Mhm, lecker Bier. 

Tag 8: Lange keinen Samstagabend mehr gehabt, ohne wiederholt die Phrase „Ich kann heute leider nicht, ich muss arbeiten“ in Whatsapps Textfeld eingetippt zu haben. Praktisch.

Tag 9: Erkenntnis: Verschlafen ist viel schöner, ohne wütende Nachrichten auf dem Handy.

Tag 10: Montag (äquivalent zu Tag 1) 

Tag 11: Ich sitze um 12:30 bei meinem Frühstückskaffee in der Küche. Eigentlich gar nicht so schlimm ohne Handy. 

Tag 12: Zukunft (ungewiss) 

© Lena Leitner



Verrückt, was alles so in elf Tagen passieren kann. Noch viel verrückter ist aber eigentlich, wie es so weit kommen konnte, die geschilderten Ereignisse als verrückt zu bezeichnen.

Seitdem ich vor vor sieben Jahren, in der achten Klasse, mein erstes Smartphone bekommen habe, sind bis heute wohl kaum elf Tage ohne eben jenes verstrichen. Das Smartphone war mein ständiger Begleiter, immer in der Tasche, immer erreichbar, immer up-to-date. Unbemerkt schlich es sich in meinen Alltag ein, aus dem es nicht mehr wegzudenken war, obwohl wegzudenken vielleicht irreführend formuliert ist, denn es bestand nie die Intention über ein Wegdenken nachzudenken. Es war halt immer da, und das war auch gut so, ein Leben ohne gab es nun mal nicht mehr. Es ist faszinierend, durch einen ungeschickten Umstand, manche nennen es ein besonders Talent, zu bemerken, wie man sich von einem einzigen Gegenstand dominieren lässt und wie nackt und hilflos man sich fühlt, wenn er dann auf einmal weg ist. Aber irgendwie auch schön sich daran zu erinnern, dass es auch ohne geht. Rückblickend betrachtet hat mich mein unpopuläres Talent, in Kombination mit meiner besonderen Qualität der Faulheit, wohl auf eine gewisse Art und Weise erleuchtet. 

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