von Lea Merz | Headerbild © Lea Leitner

Warum die Body Positivity Bewegung nicht das Ende der Selbstzweifel ist

Bilder von Frauen mit starkem Übergewicht, Männern mit Narben und Menschen mit Prothesen – die Body Positivity-Bewegung schreibt sich Diversität auf die Fahne. Jeder Mensch ist auf seine Art schön. Ein beliebtes Statement gegen ein Ideal, dass bis ins kleinste Detail bestimmt wie man aussehen soll. Body Positivity – das klingt doch erstmal, nun ja: positiv. Aber über die Diskussion was-Schönheit-ist, vergessen wir viel zu oft eine viel grundlegendere Diskussion: Welche Bedeutung Aussehen in unserem Leben einnimmt.

Der Gedanke toxische Schönheitsideale zu bekämpfen ist keineswegs neu. Schon im 19. Jahrhundert entstand eine Bewegung die sich „Victorian Dress Reform Movement“ nennt. Sie richtet sich gegen die zu dieser Zeit sehr modernen Korsette, die nicht nur unbequem sind, sondern auch gesundheitsschädlich.

In den 60er Jahren wurde dann, zunächst in Amerika, vermehrt über die alltägliche Diskriminierung von Menschen mit Übergewicht diskutiert. Es bildete sich die „National Associaton to Advance Fat Acceptance“, die auf die weit verbreiteten Stereotype zu Übergewicht hinweist und diese zu bekämpfen versucht.

Die Zielgruppe der Body Positivity Bewegung erweiterte sich in den 90er Jahren. Alle Menschen sollen sich in ihrem Körper wohlfühlen. Eine Organisation unter dem Namen „The Body Postive“ wurde gegründet, um Menschen mit einem schlechten Körperbild zu helfen.

Erst 2012 aber wird Body Positivity in sozialen Medien aufgegriffen und tritt somit ins Bewusstsein der Allgemeinheit. Kritik wird vor allem an dem medial propagierten Schönheitsideal geübt, dem unrealistische Ansprüche vorgeworfen werden.

Es ist schwer zu leugnen, dass sich durch unseren Alltag ein recht einheitliches Idealbild zieht. Wenn ich in der Bahnhofsbuchhandlung am Zeitschriftenregal vorbeilaufe, kann ich auf den Covern der Mode- und Frauenmagazine schnell ablesen, was heute als schön betrachtet wird: Schlank. Reine Haut. Langes Haar. Ebenmäßiges Gesicht. Rasierte Beine. Auch bei den Männern bietet sich ein recht homogenes Bild: Großgewachsene, trainierte Körper mit scharfen Gesichtszügen.

© Friederike Teller

Das ist, was ich schön finden soll. Und das ist, was ich tatsächlich schön finde. Das ist auch, was wahrscheinlich der allergrößte Teil der anderen Leute schön findet, der sich gerade mit mir zwischen Vogue und Brigitte herumdrückt, um die Wartezeit auf den verspäteten Zug zu überbrücken.

Für Zeitschriften, Firmen und Labels ist es in den letzten Jahren wichtig geworden, für Werbekampagnen und Cover vielfältige und individuelle Gesichter auszusuchen. Das ist gut für das Image, in einer Gesellschaft, die sich von dem herrschenden Ideal zunehmend bedroht fühlt. Aber, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, repräsentieren die „ungewöhnlicheren“ Typen trotzdem keineswegs den Durchschnitt der Menschheit. Sie sind sehr viel attraktiver, als das Bild, das sich den meisten von uns nach dem Aufstehen im Spiegel bietet.

Die Makel sind immer noch solche, die sich gut in Szene setzen lassen. Ein Plus-Size-Model, muss immer noch sein Fett an den Stellen haben, die gesellschaftlich als die Richtigen betrachtet werden.

Der Versuch Schönheitsideale abzuschaffen oder so inklusiv zu gestalten, dass sich jeder darin wiederfindet, ist eine Wunschvorstellung. Unsere Präferenzen sind eine Mischung aus evolutionären und gesellschaftlichen Faktoren, die zwar teilweise verändert, aber nicht völlig abgeschafft werden können. Und sich dies als Ziel zu setzten, ist nicht nur hoffnungslos, sondern lenkt auch von der eigentlichen Problematik ab.

Denn das Problem ist nicht, dass es ein Schönheitsideal gibt. Das Problem ist, dass wir das Gefühl haben, dass die Frage, ob wir es erfüllen, gleichzeitig die Frage ist, was wir als Mensch wert sind.

Das Problem ist, dass wir Schlagzeilen daraus machen, wenn Rihanna zunimmt oder Lena Meyer Landrut abnimmt, obwohl man doch lieber darüber sprechen sollte, wie ihr neues Album ist. Das Problem ist, dass wir es gerechtfertigt finden, Merkels Stil und ihre Attraktivität zu belächeln, anstatt über ihre politischen Entscheidungen zu diskutieren. Insbesondere Frauen können erreichen, was sie wollen und dennoch wird immer wieder, zumindest in einem Nebensatz, ihr Aussehen diskutiert.

Ich bin nicht musikalisch. Ich kann nicht einmal im Takt klatschen. Aber ich fühle mich dennoch nicht bedroht von Musiker*innen. Ich habe nicht das Bedürfnis, mich davon abzugrenzen, dass es die meisten Leute bewundern, wenn jemand großartig singen oder Cello spielen kann. Es ist völlig selbstverständlich, dass ich die Musik genießen kann und mir denke, dass ich ja andere Talente und Vorzüge habe. Und falls ich irgendwann einmal Bundeskanzlerin werden sollte, wird niemand sagen: Und das, obwohl sie so unmusikalisch ist! Denn es tut ja nichts zur Sache.

Diese Einstellung wünsche ich mir zum Thema Schönheit, von der Gesellschaft und von mir selbst. Nur dann über Aussehen reden, wenn es was zur Sache tut. Wenn wir zukünftige Generationen großziehen wollen, die nicht wegen ihres Spiegelbildes von Zweifeln zerfressen werden, müssen wir eine Gesellschaft schaffen, in der Schönheit keine Voraussetzung für Respekt ist. In der wir unseren Fokus auf das legen, was die Menschen tun und nicht, ob sie dabei gut aussehen.

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