von Leon Lobenberg |Beitragsbild ©  Anne Meerpohl | Header: © Julie Matthées

Ich muss zugeben, in Gesprächen, in denen es um Feminismen geht, fühle ich mich überrollt. Überrollt vom Feminismen-Zug und seinen Wagons, den Gerechtigkeitsforderungen. Es fällt mir schwer aufzuspringen, denn ich weiß nicht, ob wir auf dem richtigen Gleis fahren und wohin es führt.

Dieser Text beinhaltet meine Überlegungen über Feminismen. Kann man ohne Vorannahmen über Gerechtigkeit für den waghalsigen Sprung argumentieren? Oder wird es immer jemanden geben an dem der Gleichberichtigungszug vorbeirauscht? 

Für dieses Projekt lohnt es sich zuallererst mit Ideologien anzufangen. Ideologien sind ein System aus Normen und Werten und beinhalten zum Beispiel auch Annahmen über Gerechtigkeit. Da der Mensch kein Einzelgänger ist, lebt er in Gemeinschaften, welche organisiert werden müssen. Ideologien gewährleisten genau das: Sie koordinieren kollektive Handlungen. Jedem Mitglied einer Gesellschaft wird eine bestimmte Rolle zugeteilt und bestimmt, wer wieviel vom Kuchen, dem sogenannten Kooperationsertrag, abbekommt. Zusätzlich schaffen sie ein Wir-Gefühl.
Eine Welt ohne solch ein Wertesystem wird Anomie genannt oder in der Philosophie auch Naturzustand. Die grundlegende Kritik daran ist, dass wenn jeder Mensch grenzenlose Freiheit besitzt, am Ende niemand mehr frei ist.

Auch das Patriachat ist eine Ideologie und organisiert die Menschen. Hier werden die Gesellschaftsmitglieder in Mann und Frau eingeteilt und erhalten eine bestimmte Rolle im Sozialgefüge, um das Funktionieren einer Gesellschaft zu gewährleisten. 
Hier könnte man aufhören und sich gemütlich im Sessel zurücklehnen. Mission completed, Gesellschaftsmaschinerie läuft. Doch der Feminismus hat ein Leck im Motor des Systems entdeckt. Wenn wir es stopfen würden, kämen wir noch schneller ans Ziel.

Aber wohin fahren?

Um diese Frage beantworten zu können, ist es nötig, über sich hinaus zu denken und die eigene Weltanschauung für einen Moment zu vergessen. Alle tautologischen Argumentationen nach dem Motto „Gleiche Bezahlung ist gerecht, weil sie gerecht ist“, werden der Objektivität geopfert. Wir brauchen ein grundlegenderes Ziel. Etwas dem jeder, zumindest auf einer Metaebene, zustimmen würde.

Der kleinste Nenner

Die naturwissenschaftliche Anthropologie schenkt es uns: Die fortwährende Existenz der Menschheit. Auf den ersten Blick sehr pathetisch, auf den zweiten Blick schon vernünftiger. Die Beobachtung ist, dass in jeder Kultur und Gesellschaft das menschliche Leben und die Reproduktion der zentrale Wert ist. 
Zu etwa demselben Schluss ist auch schon Darwin mit seiner Evolutionstheorie gekommen. Seine These: In der Natur gehe es nur um die effizienteste Anpassung der Arten an die Umwelt. Damit hat er so ziemlich jeden metaphysischen Versuch dem Leben einen Sinn zu geben im Keim erstickt. Auf der kollektiven Ebene zählen nur die Reproduktion und die Ausweitung der Art. Mehr nicht. 
Das ist im Kontext der vorherigen Überlegungen auch plausibel. Denn ist es nicht gerade Sinn und Zweck eines Gesellschaftssystems das Kollektiv zu sichern, indem willkürliche Übergriffe der Menschen untereinander verhindert werden? Eine perfekte Symbiose mit der Evolution: Wer will sich schon gerne reproduzieren, wenn jederzeit der Nachbar mit einer Axt ins Zimmer gestürmt kommen könnte?

Wir haben hier also den kleinsten gemeinsamen Nenner der Menschheit in der Hand. Egal welche Religion, Kultur oder Weltanschauung: Überall gibt es diese Systeme, um die menschliche Existenz und deren Ausbreitung zu gewährleisten. 
Selbstverständlich variieren die ideologischen Ziele drastisch. Im Christentum sollte und soll man sich sündenfrei verhalten, um im Paradies leben zu dürfen. Modernere Formen von Ideologien halten die bedingungslose Produktivität und Dominanz auf dem Weltmarkt hoch. Die Quintessenz ist jedoch immer dieselbe. Individuelle Handlungen werden koordiniert, um die kollektive, menschliche Existenz und Ausbreitung zu sichern. Der kleinste Nenner also.

© Friederike Teller

Wollt ihr die totale Existenz?

Nun darf man aber nicht den Fehler machen kollektive Bestrebungen mit individuellen Zielen zu verwechseln. Tut man es, landet man sehr schnell in einem System, das dem Individuum die kollektiven Werte aufzwingt.
Der Fehlschluss ist leicht getan: Wenn die Menschheit als Spezies existieren will, muss zwangsweise das einzelne Individuum existieren wollen!
Hervorragender Stoff für eine Dystopie. Juli Zeh konstruiert in ihrem Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ eine Welt, in der das Individuum nicht zählt, sondern nur die erbarmungslose Existenz des Kollektivs. Sterbehilfe, Suizid, Abtreibungen und Homosexualität sind verboten. Leben, einfach nur um zu leben. Jedem Sinn, jedem individuellen Streben beraubt. Klingt sehr apokalyptisch.
Den evolutionären Erfolg zum heiligen Gral individueller Ziele zu erklären, kann nicht richtig sein.

Existenz vor Essenz

Um zu verstehen, weshalb das nicht funktioniert, müssen wir uns das Individuum anschauen. Philosoph*innen wie de Beauvoir oder Satre prägten die Idee, dass sich jeder Mensch seinen eigenen Zweck der Existenz (oder auch „Essenz“) geben muss. Bevor ein Mensch geboren wird, kann es diese Essenz noch nicht geben. Erst wenn man anfängt zu existieren, kann man sich selbst einen Zweck geben. Niemand anderes kann das übernehmen – auch nicht die Gesellschaft.
Heutzutage findet man diesen Gedanken in einem geläufigen Sprichwort wieder: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. 
Schlecht oder gut sind also keine bürgerlichen Kategorien, es sind persönliche. Diese Haltung nennt man ethischen Subjektivismus oder Partikularismus. Sie steht dem Universalismus gegenüber, der behauptet, dass es eine objektive Moral gibt, die über dem Individuum steht und dadurch für jede*n gilt. 
Die Gefahr einer Objektivierung der Moral ist gigantisch. Gut und schlecht werden am Maßstab der universellen Ideologie gemessen. Die Konsequenz ist, dass abweichende Lebensentwürfe eingeschränkt oder sanktioniert werden. Freiheit gibt es hier nur durch Konformität. 
Im Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ müssen die Menschen täglich ihre Vitalwerte an die Verwaltung übermitteln, um Krankheitsausbreitungen zu verhindern. Wer es nicht tut, muss fristlose Kündigungen oder Ähnliches hinnehmen. Das Ziel der Gemeinschaft blockiert hier ganz klar die Selbstentfaltung des*der Einzelnen*.

Das große Dilemma ist: Jede Gesellschaft braucht gemeinsame Ideale, um zu verhindern, dass sich die Mitglieder in Spe organisationslos die Köpfe einschlagen. Anomie gefährdet das einzig objektivierbare Ziel der Menschheit: Den evolutionären Erfolg, also die Existenz und Ausbreitung der Menschheit.

Wir brauchen dementsprechend ein System, das die Gradwanderung zwischen der Verwirklichung individueller Interessen und dem Funktionieren der Gesellschaft meistert.

Im Zweifel für die Freiheit

Ein solches System muss jedem Menschen einen persönlichen Freiraum zur Entfaltung geben, aber trotzdem eine geregelte Öffentlichkeit bieten. Wenn alle eine wirkliche Privatsphäre besäßen, könnte jeder Mensch die eigene Vorstellung vom richtigen Leben im Rahmen eben dieser Sphäre verwirklichen. Aus sich selbst heraus oder in Anlehnung an alternative Lebensentwürfe. Ohne dabei von Gesellschaftsordnungen eingeschränkt zu werden.

© Julie Matthées

Und warum ist das gut?

Weil wir alle etwas davon haben. Dass sich dieses System bewährt, wusste schon Adam Smith: Wenn die*der Einzelne* frei ist, also seinen*ihren eigenen Weg finden kann, profitiert das Kollektiv. Oft missverstanden als der Vater der liberalen Marktwirtschaft wollte er mit diesem Argument gegen die damals in den USA vorherrschende Sklavenhaltung kämpfen.
Die Idee von Mill knüpft daran an. Er behauptet, dass jeder Mensch mit seinem individuellen Lebensstil die Gesellschaft bereichern könne. Wenn ein neuer Moral-Entwurf mit den vorherrschenden Konventionen breche, sich aber dennoch als besser herausstelle als der momentan akzeptierte, profitiere die Gesellschaft. Auch wenn er schlechter sei, könne sich die Gesellschaft dadurch ihrer momentanen guten Werte wieder bewusst werden. Ein regelrechter Wettbewerb um die beste Moral also. 

Konkurrenz belebt das Geschäft 

Schauen wir uns im Licht dieser Überlegungen den Feminismus an. Der Freiraum zur Selbstentfaltung – Privatsphäre – in der man frei von gesellschaftlichen Vorstellungen leben kann, ist ein männliches Privileg. Durch historisch entwickelte Machtstrukturen ist die Rolle des weiblichen Geschlechts von Geburt an geprägt. Von individueller Selbstentfaltung kann keine Rede sein, wenn Frauen sich im Sommer zweimal überlegen müssen, ob sie beim Fahrradfahren ein Kleid anziehen, um nicht von obszönen, männlichen Kommentaren belästigt zu werden. Oder wenn der Weg zur Chefetage mit sexistischen Vorurteilen verbarrikadiert ist. Oder wenn an der Uni nur männliche Autoren und Philosophen gelehrt werden.
Frauen* ist es nicht möglich ihre eigenen Wahrheiten und Lebensstile in die Öffentlichkeit zu tragen, um darüber zu diskutieren und um möglicherweise eine bessere Ideologie zu etablieren. 
Mit „besser“ meine ich Gesellschaftsentwürfe, die eventuell mehr Bedürfnisse und Neigungen einzelner Menschen akzeptieren und dadurch mehr Menschen in die Kooperationsstrukturen der Gesellschaft einbinden. Mehr Kooperation bedeutet eine stärkere Gesellschaft, die das evolutionäre Ziel der Existenz und Ausbreitung der Spezies sichert. Durch die patriarchalen Fesseln verpasst die Menschheit also 3,5 Milliarden Ideen.

Lass dich nicht überrollen!

Spätestens an diesem Punkt spüre ich, wie mich irgendetwas dazu drängt auf den Feminismen-Zug aufzuspringen. Ich habe verstanden, was ich intuitiv schon wusste. Feminismen sind keine Ideologien, die probieren, Menschen ihre normative Weltanschauung aufzuzwingen. Feminismus ist der Versuch, der Hälfte der Menschheit die Möglichkeit zu geben, sich selbst einen Lebensentwurf aussuchen zu können oder gar einen neuen zu kreieren. Profitieren würden wir alle. Gesellschaftlich sowie evolutionär. Es braucht noch nicht einmal dieselben Gerechtigkeitsannahmen wie die Feminist*innen, um für eine gleichberechtigte Welt zu kämpfen. Das Eigeninteresse reicht auch. Lasst uns das Leck im Motor der Gesellschaft stopfen und jedem Menschen die Möglichkeit geben, auf seinem eigenen Gleis Richtung besseres Leben zu fahren.

One thought on “Schneller Richtung Existenz”

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