von Friederike Teller | Fotos: ©Julie Matthées

Widewidewid Willkommen im Spiegelland! Unsere schöne Welt hier – ist ein Spiegel. Verzeihung, ich meine natürlich meine Welt. Rassismus ist darin kein Problem. Natürlich nicht, denn ich bin weiß. Weiß, das ist keine explizite Hautfarbe. Weiß-Sein beschreibt eine Machtposition – Privilegien. 

Die Macht zu haben die Norm zu definieren – ganz konkret sind genormte Gegenstände für Dich gemacht. Es bedeutet in historischen Machthierarchien verfangen zu sein, welche unsere imperiale Lebensweise speisen. Imperiale Lebensweise meint die Ausbeutung von Menschen und Natur durch den globalen Norden im globalen Süden. Nord – Süd – Orientierungslosigkeit.

Die Spiegelwelt dreht sich vor meinen Augen – alles wird weiß – hautfarben – grimmig schaue ich meinen Wortschatz an.

Doch gibt es Möglichkeiten für mich die Welt nicht weiß zu sehen, obwohl ich weiß geboren bin? Bestimmte Erfahrungen habe ich nie erlebt. Meine Welt sieht eben so aus – ich kann sie nicht eintauschen – nur beschreiben.

Reginald Dwayne Betts ruft aber dazu auf, zu schreiben, weil man die Menschen kennt, die leiden. Sätze zu formulieren, die brutal ehrlich sind und verdammt riskant. Botschaften, die es Wert sind stundenlang argumentiert und auf Straßen gesprüht zu werden. Schreib nicht darüber weiß zu sein – schreibt er – und nun?

Ich möchte mir nicht zu nahe treten und schreibe doch einfach weiter. Moment, ich gehe erstmal zwei Schritte von meinem selbstgerechten Spiegeglas weg. Will damit herausfinden, was meine heile Welt mit Mittelpunkt Europa geformt hat – erkenne die Zeitschriften, Filme, Kinder- und Lehrbücher, Erinnerungen und Gespräche – die sorgsam zu der glatten Glasoberfläche verwebt wurden. Wenn die Welt ein Dorf wäre mit hundert Menschen, wären fünf davon Europäer*innen.

In der Geschichte, die ich gelernt habe ist das anders. Wie wir wurden, wer wir sind, haben nur Europäer*innen bestimmt. Der Kolonialismus ist eine verschmierte Randnotiz. Kein Buch, einer nicht weißen Autor*in habe ich in meiner Schulzeit gelesen. Auf keinem Cover und in keiner Werbung war eine Person of color (PoC). Kein Wunder, dass mir nie aufgefallen ist, welche Hautfarbe – welche Privilegien ich habe. Schade, dass mir nie aufgefallen ist, was Grenzen wirklich bedeuten und wo meine sind.

Foto: ©Julie Matthées

Die Welt ist genauso – nur ist sie einfach anders.

 Mein erster Schritt also: Bewusstsein.

Teil eins – Geschichtsbewusstsein: Deutschland hatte sieben Kolonien mit und acht ohne direkte Verträge. Das wusste ich nicht.

Teil zwei – Blasenbewusstsein: wir konstruieren uns eine Echokammer. Sich mit vertrautem umgeben – es ist nicht unsere Schuld. Es ist aber eben doch unser Wohlstand, der auf Leichenbergen steht, wie Hagen Rether es zynisch analysiert. Es sind unsere Bananen die in Laos reifen und der Kakao ist aus Boliven. Ich musste das kurz googeln. Jetzt weiß ich Bescheid und werde nichts oder alles anders machen – je nach Bequemlichkeit und Angebot eben.

Teil drei – die Sache mit der Sprache. Das ist komplex. Dazu gibt es ganze Lexika und das ist wichtig. Jeden Tag passieren mir mindestens 3749 Missgeschicke – unglückliche Formulierungen, mehr nicht. Nicht mehr, denn es darf nicht darum gehen sich hilflos zu fühlen. Nur politische Korrektheit ist kein Schimpfwort, sondern die Überzeugung, dass man mit Sprache erstmal nicht verletzen und pauschalisieren will. Sprache schafft Wirklichkeit. Es ist Zeit sich mit Begriffen, wie Volk, Stamm oder Eskimo auseinander und dann neu zusammen, zusetzen. Stammtischmodus einmal für alle und dann wird diskutiert – aber halt richtig.

Zurück zur Repräsentation. Jedes Sprechen und Schreiben ist immer Selbstrepräsentation. Selbst wenn ich über Andere schreibe, beschreibe ich mich. Das Andere ergibt sich aus dem Selbst. Was als Anders wahrgenommen wird, ist kulturell bedingt. Monogamie, Monotheismus und Materialismus sind nicht natürlich gegeben. Um es also noch komplizierter zu machen, müssen sich besonders Menschen, die ihre Stimme verstärken, auf Plattformen, wie dieser, also schon wieder ich, damit konfrontieren, welche Stimme das ist.

In dem Buch „Von dem Versuch nicht weiß zu schreiben“ berichtet Charlotte Wiedemann über ihrer Zeit als Auslandsjournalistin und der Herausforderung, sich der eigenen Perspektive in der vemeintlichen Fremde zu stellen. Von der Schwierigkeit projezierte Stereotype nicht zu bestätigen. Arm und glücklich sind nicht nur Klischees, sondern eben auch kulturelle Konstruktionen.

Ihre Idee ist es, das Individuum zu zeigen. Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen. Den Einzelnen aus der Masse heraustreten zu lassen. Es gibt nicht die Lebensgeschichte aller Deutschen und es gibt sie auch sonst nirgendwo. Eine Geschichte immer und immer wieder zu erzählen ist gefährlich, warnt Chimamanda Ngozie Adichie in ihrem berühmten Ted-Talk Noch destruktiver ist es, dass die eine richtige Geschichte schon überall propagiert wird: das Märchen des Fortschritts und der Entwicklung.  

Eine Theorie, die sich Kulturrelativismus nennt, ist zu unrecht, als allgemeine Wertelosigkeit verrufen. Sie argumentiert stattdessen plausibel, dass ganz verschiedene Bedeutungskonzepte nebeneinander existieren und wahr sein können. Am Ende kommt keine Fee und kein Held und alle leben glücklich und zufrieden. Denn es gibt keine universellen Werte – kein richtig und falsch – kein einheitliches Happy End. Stattdessen Veränderungen und Parelliltäten. Sehr viele Stimmen, wollen interpretieren und das irritiert. Diesmal wäre es vielleicht gut näher zu kommen – dann wird die Tiefendiemension sichtbarer.

Meine Hand bewegt sich langsam auf die Spiegelfläche zu, die mich immer noch umgibt. Ich will endlich (be)greifen wer ich denn bin. Wenn das Spiegelglas zerbricht und dann Blut aus meiner Hand spritzt, kann ich dann ein Pflaster auf meine Wunde kleben. Es hat nicht durch Zufall fast die Farbe meiner Haut.

3 thoughts on “Ein Mann der sich Kolumbus nannt (und ich) im Spiegelland”

  1. Schön geschrieben, aber selbstbezogen und am am Problem vorbei.
    Es geht nicht um Dich, Dein weiß-sein ist der Welt herzlich egal. Hör auf, verscheidene Erfahrungen und Möglichkeiten an Hautfarben zu knüpfen (und wenn du meinst, weiß oder das C in PoC beschreibt keine Hautfarbe, lügst Du Dich selbst an und deine woken Freund*innen ebenso), denn viele Poc haben viele Erfahrungen auch nie erlebt, dafür viele „Weiße“ schon. Sprich über Diskriminierte, Verfolgte, Unterdrückte – alles gut! Aber sag mir nicht, welche Erfahrungen ich aufgrund meiner Hautfarbe gemacht habe und welche nicht, das ist identitärer Müll!
    Schreib über Kapital, schreib über Phänomene!

    Last but not least: Du machst nicht den Anderen, der Andere macht Dich: Das Antlitz des Anderen, das Antlitz deiner Mutter, deines Vaters sagt „Du“.

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Meinung.

      Der Beitrag macht einen persönlichen Gedankengang transparent – es geht nicht darum zu pauschalisieren oder Erfahrungen zu zuordnen und zu werten. Eine sehr kontroverse und spannende Debatte entspinnt sich gerade darum, inwiefern zum Beispiel „weiße“ Rassismus erfahren können (dazu finde ich diese Statements sehr interessant und treffend: https://weranderneinenbrunnengraebt.wordpress.com/2012/09/15/warum-weise-nicht-opfer-von-rassismus-sein-konnen/).
      Es darf, meiner Meinung nach, deshalb in dem Diskurs auch nicht darum gehen, Erfahrungen gegeneinander auszuspielen. Diskriminierung, Verfolgung und Unterdrückung, was du treffend benennst, sind in allen Fällen negative Erfahrungen.
      Allerdings finde ich es besonders interessant, darüber nachzudenken was diese Erfahrungen, besonders Diskriminierung, produziert und auslöst. Häufig ist es die Diskriminierung von Unterschieden in Ethnizität, Geschlechtlichkeit (gender) oder Klasse (class). Diese Unterschiede treffen global auf strukturell unterschiedliche Chancen und Herausforderungen.

      „critical whiteness“ versucht nun, nicht nur auf die Depriviligierung (also wer leidet unter der Hierarchie der Unterschiede im Denken) zu schauen, sondern die unsichtbare Konstruktion weißer Identität und den dazugehörigen Privilegien, zu analysieren. Wobei die Begriffe Schwarz und Weiß in diesem Zusammenhang eben politische Standorte meinen, die unterschiedliche Privilegien und Dominanzen kennzeichnen. Die Utopie wäre für mich in einer Gesellschaft des „Power Sharing“ zu leben.

      Und noch ein letztes Zitat:
      „Die sogenannten Anderen zu benennen gehört zur Normalität. Unsichtbar bleibt hingegen die weiße Norm. Critical Whiteness bzw. die kritische Weißseinsforschung kehrt dieses Verhältnis um.“ – ( https://www.deutschlandfunkkultur.de/critical-whiteness-diskriminierung-im-alltag-unbewusst-und.976.de.html?dram:article_id=391390).

      Falls du dich näher mit Debatten rund um das Thema beschäftigen willst – kannst auch du sehr gerne einen Beitrag verfassen, in dem du andere wichtige Aspekte darstellst.

      Weiterführende Informationen findest du zum Beispiel hier:
      http://bildungswerkstatt-migration.de/images/bimig/mitjasabinelueck-critical+whiteness.pdf

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