von Leonie Ziem

Ja, meine, deine, unsere Erde eskaliert. Eine Klimakatastrophe droht und dieser Artikel langweilt nicht weiter damit, dies noch für die letzten Leugner*innen zu wiederholen. Schüler*innen, Wissenschaftler*innen protestieren. Nein, es ist kein Klimawandel, keine Erderwärmung oder ein anderer netter Euphemismus. Es ist eine Klimakrise. Wie können wir den Protest noch lauter werden lassen? Lasst uns den realitätsverweigernden Alltag stören!

In der Debatte um die Klimakrise ist das Narrativ verrutscht. Die Erwärmung der Erde ist kein Problem, bei dem man jetzt diskutieren sollte, ob Fleischesser*innen und Menschen, die per Flieger in den Kurzurlaub jetten, schlechte Menschen sind. Es geht nicht darum, Individuen zu beschuldigen oder gar zu beleidigen. Außerdem zuckt die Normalität, wenn man sie beleidigt, eh nur mit den Schultern.

In meiner, deiner, unserer Welt kann man für 19,99 Euro fliegen, für die gleiche Strecke mit dem Zug 50,99 Euro bezahlen. Je nachdem wie ich mich entscheide, bekomme ich das schlechte Gewissen noch umsonst dazu – oder aber meinen frustrierten Kontostand. Wir wissen, dass nach einmal Berlin-München hin und zurück unsere CO2-Emissionen eine Party schmeißen, und buchen das Ticket zur Bequemlichkeit trotzdem. Im Wettkampf um Zeit, Geld und Bedürfnis verliert der ökologische Fußabdruck haushoch. Irgendwie merken wir dann: wir sind schuldig. Aber auch: das System macht es uns nicht leicht.

1. Mein Flugzeug sagt, dass Demonstrieren laut genug ist

Auf eine Klimademo gehen und davor aus Plastik eine Runde frozen yoghurt löffeln? Geht! 
Das bekommen wir schon früh vermittelt: gelebte Widersprüchlichkeit. Im Unterricht lernen wir das Imperativische am Umweltschutz und danach gibt’s in der Mensa Fleisch und Strohhalme. Der Ort, an dem wir vermittelt bekommen, dass das schon irgendwie okay ist, nennt sich System.
Der Ort, an dem politische Entscheidungsträger*innen zusammenkommen, ist der Ort, an dem Systeme gemacht werden.

2. Ein Artikel über Klimaschutz ohne den Wirtschaftsaspekt ist wie Pizza ohne Backofen

Kaufräusche, am besten bei gewissen ausbeuterischen, umweltschädlichen Textilketten, ist letztendlich eine Transaktion. Wir messen alle Transaktionen, die im Land so geschehen. Von Konsum über steigende Ausgaben für Polizei-Einsätze bis hin zu Einnahmen von Massentourismus. Am Ende zeigen wir auf die Zahl und freuen uns, wenn sie möglichst hoch ist. Wir nennen es Bruttoinlandsprodukt, verwechseln dabei Mittel (Geld) und Ziel (Gemeinwohl) miteinander. Wenn wir an Wachstum denken, dann doch bitte an qualitatives. Sonst kann keine Politik zugunsten des Klimas gemacht werden. Klimaziele verfehlen, am Klimaschutz scheitern, das ist ein ungewolltes Hobby geworden – der Regierungen und des bisher herrschenden Alltags, der an jeder Ecke zu umweltbelastendem Konsum verführt. Letztendlich ist es das Anreizsystem, das den Unterschied machen kann. Sollte Kerosin allen Ernstes weiterhin steuerfrei bleiben?

3. Verändert das Narrativ! Klimaschutz ist kein veganer Porno!

Das eigentliche Narrativ der Klimakrise sollte nicht sein: „Ihr dürft kein Fleisch mehr essen, ihr dürft nicht mehr in Urlaub fliegen!“, sondern „Wollt ihr Menschen weltweit davor bewahren, ihre Lebensgrundlage zu verlieren? Wollt ihr, dass Menschen in Länder flüchten, die irgendwann nicht mehr die Kapazität haben werden, ihre Menschen zu ernähren? Wollt ihr die Biodiversität zerstören oder erhalten?“

4. Vorsätzliche Verletzung von Rechtsnormen im Namen der Moral! Oder auch: Ziviler Ungehorsam

Die internationale Bewegung Extinction Rebellion will sich später nicht vorwerfen lassen, nur zugeguckt zu haben, und spielt deshalb mit Formen des Protests. Ihre erste Aktion im November war die Blockade der Brücken der Themse mit 6000 Menschen. Von Großbritanien ausgehend, gibt es nun unter anderem auch deutschlandweit Ortsgruppen. Deutschland als Ort für Aktionismus ist ein mit Privilegien dekorierter, denn er geht vergleichsweise milde mit Menschen um, die sich durch zivilen Ungehorsam Gehör verschaffen. Im Kuschelkurs mit der Mehrheitsgesellschaft funktioniert das dennoch nicht. Mit zivilem Ungehorsam zeigt man die Risikobereitschaft, nicht auf den Beifall der Polizist*innen zu stoßen, sondern auf mögliche Verhaftungen.
Dennoch, so erklärt ein Vertreter der Bewegung in ihrem Einführungsvideo, geht es nie darum, das Gegenüber als Gegenspieler*in zu betrachten, sondern stets als mögliche*n Gesprächspartner*in. Gewaltfreier, ziviler Ungehorsam in Zeiten der Klimakrise unterstreicht das Wort Klimaschutz mit einem grellen Marker, der ein Medienecho hervorrufen kann. Das Manifest von Extinction Rebellion beinhaltet drei Forderungen:

(1) Die Regierung muss zusammen mit den Medien die Wahrheit über die akute Bedrohung durch die Klimakrise und die Zerstörung unserer Ökosysteme kommunizieren. Alle Gesetze, die dieser Situation nicht angemessen sind, müssen revidiert werden.
(2) Die Regierung muss Maßnahmen rechtlich bindend beschließen und einleiten, um die Netto-Emissionen von Treibhausgasen in Deutschland bis 2025 auf Null zu senken. Im Zuge dessen muss der Ressourcenverbrauch massiv reduziert werden.
(3) Die Schaffung einer Bürgerversammlung als Teil einer zweckmäßigen Demokratie, die diesen Prozess begleitet und überwacht.

Die Bewegung will mithilfe des friedlichen zivilen Ungehorsams eine Diskursverschiebung bezwecken. Denn es handelt sich verdammt nochmal um eine „Klimakrise“, über die wir in Talkshows immer noch als „Klimawandel“ debattieren, als könnten wir mit der Natur kurz vor knapp noch einen guten Deal rausholen. Extinction Rebellion will das Narrativ verändern. Talkshows wie hart aber fair am letzten Montag laden in diesem bestehenden Diskurs keine*n einzige*n Klimaforscher*in ein – es geht ihnen dabei auch nicht um Wahrheit, sondern um gute Dramaturgie. Um Unterhaltungswert.

Gewaltfreier ziviler Ungehorsam ist das Mittel, um den Protest noch sichtbarer zu machen und die Imperative zu tanzen, zu schreiben, zu organisieren. Extinction Rebellion verweist dabei auf Erkenntnisse der Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth. Sie befragte viele Bewegungen hinsichtlich ihrer Strategien und ihrer Erfolge. Chenoweth stellte fest, dass gewaltfreie Bewegungen doppelt so oft erfolgreich waren als gewaltvolle. Eine Bewegung, die gewaltfrei vorgeht, hat die Sympathie der Gesellschaft hinter sich. Ebenso kam die Politikwissenschaftlerin auf die Zahl 3,5. Diese Zahl stellt eine Schlüsselrolle dar. Denn jede Bewegung, die 3,5% der Bevölkerung kontinuierlich hinter sich versammeln konnte, hatte Erfolg.

Eine internationale Rebellion?

Im April sind international Aktionen des zivilen Ungehorsams geplant. Der Auftakt beginnt in Berlin, Extinction Rebellion will der Regierung um genau fünf nach zwölf die Rebellion anküdingen. Körper werden zu friedlichen Straßenblockaden auf Spreebrücken. Zuvor kann man deutschlandweit, an Tranings zu zivilen Ungehorsam teilnehmen.


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