Text: Laura Gerloff | Bild: © Lena Leitner

Mein Handy gibt einen kurzen Klingelton von sich, das gewohnte „ping!“ wenn eine Nachricht ankommt. Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag in Turin, ich sitze im Park, um dem Smog der Stadt zu entkommen, und es könnte eigentlich nicht idyllischer sein. Menschen spazieren an mir vorbei, Paare, Kinder, Jogger*innen – eben eine typische Sonntagsszene.
Ich schaue auf das Bild, das Emma, meine Mitbewohnerin, mir geschickt hat: Es ist ein Regal, augenscheinlich aus einem Supermarkt, ein Regal wie jedes andere, bis auf ein ganz entscheidendes Detail: Es ist nahezu leer.

Die Bildunterschrift dazu: Turin ist verrückt geworden.

Ich schaue vom Bildschirm hoch, mein Blick streift die alten Herren auf der Parkbank, und bleibt an einer mittelalten Frau hängen, die an mir vorbeieilt – sie trägt eine Atemmaske. Es ist eben kein ganz normaler Sonntag, doch der Anblick ist nichts Ungewöhnliches. Seit vor einigen Wochen die Nachrichten einen regelrechten Wettbewerb einläuteten nach dem Motto: „Wer schafft am meisten Panikmache am Tag?“, ist Italien, wie auch andere, vornehmlich europäische Staaten in heller Aufruhr. Als nun in den letzten Tagen die Zahlen der bestätigten Fälle in Norditalien stiegen, kumulierte das angestaute Emotionsgemische aus Verwirrung, Unwissenheit, Angst, Rassismus und Pathos in apokalyptische Szenarien.

Konkret manifestiert sich das eben mit solchen Bildern, wie dem der leergekauften Regale in den Supermärkten, die entstehen, weil Menschen sich mit Lebensmitteln eindecken. Ganz so, als gäbe es bald keine mehr. An anderen Stellen wird profitiert, wie durch hyperinflationäre Preise in Apotheken wegen Warenknappheit (Atemmasken und Desinfektionsmittel sind praktisch ausverkauft). Für die nächste Woche ist außerdem die Schließung aller Bildungseinrichtung (vom Kindergarten bis zur Universität), Jugendzentren und weiteren Kultureinrichtungen, also Museen, Kinos und Theater vorgesehen – ein Beispiel dafür ist der Mailänder Dom.

Meine Mutter ruft mich an. Sie ist sehr aufgebracht wegen dem, was das Ministerium gerade veröffentlicht hat, denn unter den Leitlinien ist auch ein Reisestopp. „Dabei wollten wir dich doch nächste Woche besuchen kommen… aber der Flughafen in Mailand schließt wahrscheinlich“, sagt sie und hat vermutlich recht. Viel eher als die Einreise könnte jedoch die Ausreise zum Problem werden – der Entscheidung der Österreichischen Bundesbahn, bis auf Weiteres keine Züge nach Italien zu fahren, könnten sehr wahrscheinlich auch Maßnahmen aus Deutschland folgen. „Komm doch für ein bisschen nach Hause, ich fühl mich unwohl, wenn du da unten bist!“, schlägt sie vor und es klingt wie eine Forderung, eine, die aus Angst heraus gemacht wird. Eine Forderung, die mich nun vor die Entscheidung stellt, wie ich in solch einer Krisensituation handeln möchte.

Ich rufe meine Ärztin an. Nach einer kurzen Schilderung der Situation sagt sie mir, dass es erst mal medizinisch betrachtet bei Epidemien kein richtig und kein falsch gäbe – die radikalste Handlung wäre es, sich im Haus einzuschließen und den Kontakt mit der Außenwelt zu meiden. Dazu gehört auch, sein Reiseverhalten so stark wie möglich einzuschränken, denn auch wenn ich nicht infiziert bin, so sei mein Reiseverhalten trotzdem ein Risikofaktor. „Aber im Prinzip ist es egal, weil der Virus, wenn die Maßnahmen jetzt nicht schnell greifen, sich sowieso ausweiten wird. Von daher kann es sein, dass du aus einem Risikogebiet ins nächste kommst.“

Also, bleiben oder gehen? Ich entscheide mich dafür, erst mal die Ereignisse der nächsten Tage abzuwarten, in der Hoffnung, dass internationale Maßnahmen (wie die Schließung des Flughafens) mir nicht bald die Entscheidung abnehmen.         

Aber auch innerhalb Italiens werden erste Maßnahmen eingeleitet: Die süditalienische Insel Ischia hat angekündigt, bis auf Weiteres keine norditalienischen Tourist*innen mehr anreisen zu lassen. Das „lustige“ an der Situation ist, dass es bis heute eine andauernde Diskriminierung seitens des reichen Nordens gegenüber der „armen Landbevölkerung“ aus dem Süden gibt. Der Spieß wurde nun also umgedreht, was man vom Rassismus gegenüber ostasiatisch gelesenen Menschen nicht behaupten kann. In einem chinesischen Restaurant, das eigentlich sehr gut besucht ist, klebte schon vor einigen Wochen ein Zettel an der Theke, auf dem die Organisation junger Chines*innen in Italien eine Erklärung verfasst hatte. Es ging um rassistisches Verhalten ihnen gegenüber- im gleichen Zeitraum entwickelte sich in Frankreich der Hashtag #JeNeSuisPasUnVirus, mit dem junge Menschen, die „Othering“ erfahren, gegen das allgemeine, rassistische Misstrauen ihnen gegenüber vorgingen. Als wir unsere Rechnung bezahlen, frage ich die Kellnerin nach dem Zettel. Sie sagt, sie habe in den letzten Wochen viele Verluste hinnehmen müssen; ökonomische, aber auch emotionale.

Doch das war vor einigen Wochen. Mit der heute vorherrschenden Panik haben sich die vermeintlichen Fronten verhärtet: In den Schlagzeilen waren verschiedene verbale Angriffe im Zentrum von Turin.

Das, was hier medial bisher wohl für die meiste Furore gesorgt hat, ist die Verlegung des Karnevals. Nach Venedig wurde nämlich auch angekündigt, Ivreas Feierlichkeiten auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Hierzu muss man wissen, dass der Karneval von Ivrea die Nachstellung einer historischen Schlacht ist. Anders gesagt: Es gibt verschiedene Gruppen, die sich betrinken und dann gegenseitig mit faulen Orangen bewerfen. Das Gefährliche daran sind aber eben die Menschenmassen, in denen eine infizierte Person reicht, um praktisch alle anzustecken. Selbst wenn das Fest nicht verboten worden wäre, stellt sich also die Frage, ob überhaupt Menschen an der „Schlacht“ teilgenommen hätten.

Zusammengefasst: Die Regierung versucht, durch ihre Maßnahmen der allgemein vorherrschenden Panik den Nährboden zu nehmen, indem sie all diejenigen mit Symptomen und deren direktes Umfeld testen lässt. Die Presse dagegen befeuert die Angst, indem sie die Krankheit als omnipräsente Todesdrohung präsentiert. Und die Bevölkerung springt voll darauf an.

Wie sind wir an diesen Punkt gekommen? Was wird noch alles passieren? Wieso reagieren wir als Gesellschaft so? Ist es wirklich, weil der Coronavirus so viel gefährlicher und unberechenbarer ist als herkömmliche Grippen? Die Influenza hat dieses Jahr in Italien bereits 30 Menschen das Leben gekostet. Jedoch muss ich sagen: Ich kann die Angst vor der Krankheit nicht nehmen, denn um dem gerecht zu werden, müsste es biologische Analysen geben, die präzisere Einschätzungen liefern, als es bis jetzt der Fall ist. Aber wir sollten uns ernsthaft fragen: Was ist die angemessene Art, auf eine Epidemie zu reagieren? Wie gehe ich als Bürger*in und ich als Staat mit einer solchen Gefahr um?

Verantwortung ist in solchen Fällen ein Schlüsselwort: Der Corona-Virus an sich ist für mich als junge, gesunde Person mit starkem Immunsystem erst mal keine Frage von Leben und Tod. Aber wenn ich als Infizierte in Kontakt mit Menschen trete, auf die diese Eigenschaften nicht zutreffen – also alte Menschen, Neugeborene, aber auch chronisch Kranke, dann trage ich die Verantwortung für eine mögliche Infektion, die für die Betroffenen schlimme Folgen haben kann. Ich trage als Einzelperson also Verantwortung, die ich wahrnehmen kann, indem ich zum Arzt gehe, und den Anweisungen zu präventiven Maßnahmen folge – also alles dafür tue, dass ich nicht zur Verbreitung des Virus‘ beitrage. Aber welche Aufgaben kann der Staat wahrnehmen? Ist das, was Chinas Regierung im Moment macht – also die starke Regulierung (um nicht Zensur zu sagen) der Presse zur Einschränkung allgemeiner Panik legitim? Darf eine ganze Stadt einfach so abgeriegelt werden, zum Schutz der restlichen Bevölkerung? Wir sind in Italien noch nicht an diesem Punkt. Jedoch hat die italienische Regierung nach aktuell vier Todesfällen erwogen, das Schengen Abkommen für eine Zeit außer Kraft zu setzen. Ein Zeugnis für die Machtlosigkeit der Demokratie im Angesicht einer Epidemie? Sicher nicht. Wenn die Lösung ein autoritäres Regime wäre, hätte sich der Virus nicht in China ausgebreitet. Wie also gehen wir mit einer Gefahr um, die vielleicht nicht rational und viel weniger akut ist als gedacht? Und die es jedoch schafft, die Menschen zu Handlungen bewegen, die an Hollywood Verfilmungen vom Ende der Welt erinnern?

Angst ist zunächst einmal eine gesunde Emotion. Angst schützt uns vor Unbekanntem, sie verhindert, dass wir uns in Gefahr begeben und ist, davon abgesehen, in Situationen wie diesen wichtig, weil sie die Aufmerksamkeit auf das Thema „Sicherheit“ lenkt. Wo aber die Panik beginnt, sieht man, dass es mehr um die Angst vor anderen Menschen, als vor der Krankheit geht. Das alles ergibt auch Sinn, wenn man sich überlegt, dass ein schwaches Glied in der Kette ausreicht, um alle in Gefahr zu bringen. Als ich mit Emma darüber spreche, sagt sie, es sei ein bisschen wie mit den Impfungen: „Ich lasse mich ja nicht für mich selbst impfen. Wenn ich Masern habe, sterbe ich daran ziemlich wahrscheinlich nicht. Aber meine Oma, die 80 Jahre alt ist, die vielleicht schon.“

Es geht also wie so oft darum, seine Verantwortung gegenüber den Schwächeren, weniger Privilegierten oder eben wie in diesem Fall weniger Gesunden in der Gesellschaft wahrzunehmen. Bekämpfen wir so erfolgreich den neuen Corona-Virus? Sicher ist das nicht- Panik, Hass und Angst haben jedoch noch in keiner Krise weitergeholfen.

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