von Leonie Ziem | Bild: Nora Boiko

In der Mitte der Gesellschaft ist es ganz schön gemütlich. Der Platz auf dem Sofa ist auf der richtigen Stelle schon vorgewärmt, du brauchst dich nur noch hinsetzen. Ungefähr so funktioniert es mit den etablierten Meinungen.

Während unseres Lebens hören, internalisieren und zitieren wir gern ein paar: Demokratie ist gut, Bildung sollte für alle Kinder dasein, Alkohol für 4-Jährige ist nicht so genial. Diese vermeintlich gefestigten Meinungen unterliegen jedoch einem ständigen Wandel. Was vor ein paar Jahrzehnten noch Konsens war, ist heute überholt. So sind beispielsweise im Gegensatz zum Anfang des 20. Jahrhunderts die meisten Menschen mittlerweile der Ansicht, dass auch Frauen vollwertige Menschen mit einem Recht auf Wahlen sind. Das, was sich als etablierte Meinungen bezeichnen lässt, spielt sich nach der Theorie von Joseph P. Overton innerhalb des „Overton-Fensters“ ab.

Außerhalb weht ein rauer Wind und Ideen werden als zu extrem abgestempelt. Wenn Forderungen nach einer Klimapolitik, die der Klimakrise gerecht wird, laut werden, werden diese zum Beispiel oft durch einen Abwehrmechanismus als zu radikal dargestellt. „Sind diese Vorschläge »realistisch«? Die Frage ist falsch gestellt.“ schreibt der Soziologe und Philosoph Michael Löwy. Er argumentiert, dass Forderungen natürlich nicht realistisch sind, das sollten sie auch nicht – zu stark divergieren sie mit den Missständen des bequemen Status Quo.

© Lena Leitner

Doch davon zu sprechen, dass etwas nicht realisierbar ist, ist paradoxerweise ein erster Schritt. Utopien bleiben nur Utopien, solange man sie komplett aus dem Denken und Sprechen verbannt. Dies zeigt auch das Modell des „Overton-Fensters“. Außerhalb des Fensters gibt es verschiedene Abstufungen, die aussagen, wie aktzeptiert eine Meinung ist. Die letzte Abstufung ist das undenkbare: Ideen, die uns heute so radikal und absurd vorkommen, dass sie gar nicht erst in unserem Gedankenstottern vorkommen. Ist so eine undenkbare Idee erst mal geäußert, ist der erste Schritt getan: die Idee ist plötzlich ein Teil der Streitkultur. Nehmen wir das Wahlrecht ab der Geburt. Ausgehend von dieser Forderung, sehen alle Bestrebungen, ein Wahlrecht ab 16 Jahren einzuführen, milde aus. Zudem muss man nicht unbedingt ein Wahlrecht ab 0 Jahren befürworten oder diese Meinung akzeptieren, es reicht aus, sie oft genug zu hören.

© Lena Leitner

Allein dadurch, dass man sich an eine Meinung gewöhnt, wird das „Overton-Fenster“ in diese Richtung verschoben. Allerdings kann eine Diskursverschiebung auch nach rechts funktionieren. Das spüren wir bereits in der politischen Realität, in der die AfD wieder NS-Vokabular ausgekramt hat. Wohin sich die salonfähigen Meinungen verschieben, hängt also auch immer vom Diskurs ab. Ein guter Grund um Utopien laut(er als die AfD) zu denken.

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