von Jale Pakhuylu | © Collagen von Mathis Gilsbach

Endlich fange ich wieder an, leise und heimlich an eine Revolution unserer Bildungseinrichtungen zu glauben. Und das durch die aktuelle Krise, in der wir uns global befinden. Gleichzeitig wird mir übel bei dem Gedanken, dass es die Systembenachteiligten in der Schule sind, die bei der Krise mal wieder auf der Strecke bleiben. Die Paradoxie des Lebens lässt mich mal wieder staunen – Fluch und Segen sind zwei Seiten derselben Medaille.

Fangen wir mit den weniger guten Nachrichten an: Tausende Eltern, Familien und Alleinerziehende sind seit dem Shutdown der Schulen im März massiv herausgefordert mit der Vereinbarkeit von Beruf, Carearbeit und nun auch noch dem Home Schooling. Dabei sieht der Alltag nun sehr unterschiedlich aus. Ob Homeoffice, Notbetreuung, Schichtarbeit oder Arbeitslosigkeit aufgrund des Shutdowns – die jeweiligen Umstände und ihre Belastungen lassen sich kaum pauschalisieren. Dennoch zeigen aktuelle Studien, dass nur knapp die Hälfte der Eltern mit den Anforderungen des Home Schoolings zurechtkommen (vgl. der Deutsche Schulbarometer 2020). Auch die Unterstützung seitens der Schule sehen viele Eltern kritisch:

„In der Grundschule fühlen sich demnach nur 31 Prozent der Eltern gut unterstützt, in der Realschule sind es 38 Prozent, im Gymnasium 46 Prozent und in der Hauptschule 48 Prozent.“

(Kuhn 2020)

An Grundschulen scheinen nur 49% der LehrerInnen regelmäßig Kontakt zu mehr als der Hälfte der SchülerInnen zu haben. An Gymnasien sind es immerhin 69%. Dabei ist der Bedarf an Unterstützung in der Grundschule allein aus entwicklungspsychologischer Perspektive deutlich höher. Dies manifestiert sich beim Home Schooling: Eltern von Kindern in der Grundschule haben einen höheren Betreuungs- und Unterstützungsaufwand zu leisten als Eltern, deren Nachwuchs die weiterführende Schule besucht. Und wir sprechen hier von Eltern, die in der Regel mit zusätzlichen Faktoren wie bspw. Existenzsorgen, Sprachbarrieren oder Carearbeit für mehrere Kinder belastet sind. Eltern, die ihre Kinder von zu Hause aus betreuen und daher nicht erwerbsfähig sind, haben nun einen Anspruch auf zehn Wochen bzw. Alleinerziehende auf 20 Wochen Lohnfortzahlungen. Ob diese Regelung allerdings Existenzängste, die diese Situation für Familien emotional verschärfen, aufhebt, bleibt fraglich.

Ich könnte hier noch eine ganze Reihe an Zahlen und Fakten zu Corona und Bildung veröffentlichen – aber dies würde meinem Ziel nicht gerecht. Ja, die Situation ist extrem schwierig für Eltern und Lehrkräfte. Für die einen eine größere Herausforderung als für die anderen. Aber eine Gruppe wird so gut wie NIE beachtet: Ich möchte verdammt nochmal darauf aufmerksam machen, dass es IMMER DIESELBEN KINDER sind, die auf der Strecke bleiben.

von: Jale Pakhuylu

Ob ein Kind im Home Schooling erfolgreich sein kann, wird durch unterschiedliche Faktoren bestimmt. Laut Umfragen gibt es einen großen Anteil an Familien, die weder Internetzugang, noch die Möglichkeit haben, zu Hause zu drucken, um am Unterricht teilzunehmen. Dass der Kontakt zu Lehrkräften dann auch noch zum Teil sehr gering ausfällt, erscheint alarmierend.

„Zu Wort melden sich vor allem die bildungsnahen Eltern. Sie suchen den Kontakt zu den Schulen, fragen nach, wenn keine oder aus ihrer Sicht zu wenige Aufgaben kommen, und wenden sich an die Öffentlichkeit, wenn sie sich mit der Doppelbelastung von Homeschooling und Homeoffice überfordert fühlen“ , sagt Maresi Lassek. Aber es gebe auch viele Eltern, besonders mit bildungsfernerem Hintergrund, die keinen Kontakt zur Schule suchen und sich nicht äußern, wenn es Probleme gibt. „Einige Eltern haben aus eigener schlechter Erfahrung Angst vor der Schule, viele empfinden Scham, weil sie ihrem Kind nicht die erwartete technische Unterstützung, die Lernbegleitung oder nicht einmal einen ruhigen Arbeitsplatz bieten können oder weil sie sich sprachlich nicht gewachsen fühlen“, führt die Vorsitzende des Grundschulverbands weiter aus.

(Kuhn 2020)

Ja, Sprachprobleme, ungleich verteilte Arbeitsmittel und prekäre Wohnsituationen sind real! Und auch, wenn ich beim leidenschaftlichen Kritisieren des Bildungssystems als „Grundschulmutti“ oder „naive Idealistin“ abgestempelt werde, macht es mich einfach so unfassbar sauer, dass es in den Medien NIE um die sozial Benachteiligten geht. Und wenn sie doch einmal genannt werden, dann häufig problembezogen und stigmatisierend. Dabei kann es doch nicht so schwer sein, die altbekannten Probleme anzugehen und mit wenigen Handgriffen für Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. Deutsche Bildungspolitik at it’s best? Leider nein.

Um meine Wut noch einmal zu verdeutlichen, möchte ich einige Hintergründe erläutern: Gerade Menschen aus bildungsnahen Familien stellen sich das Home Schooling romantisch an einem Schreibtisch im 20qm großen Kinderzimmer, mit Blick auf den Wald, in einem ruhigen Umfeld vor. Internetzugang, Arbeitsmittel und Unterstützung scheinen Selbstverständlichkeiten. Inwiefern ändern sich Anforderungen an das Home Schooling, wenn bspw. vier Kinder einer Familie in einem 15qm Kinderzimmer wohnen und Eltern keine Unterstützung beim Lernen aufgrund unterschiedlichster Kontexte bieten können? Wie soll gelernt werden, wenn Lehrmaterialien per Mail an Familien geschickt werden , die weder die Technik, noch die Medienkompetenz dafür aufweisen können? Wer kümmert sich um die Familien, deren Sprachkenntnisse nicht ausreichend sind, um das System des Home Schoolings zu verstehen und autonom organisieren zu können?

von: Mathis Gilsbach

Aus psychologischer und pädagogischer Sicht wird die psychische Gesundheit von Kindern, die sich im schlimmsten Fall auf wenigen Quadratmetern ohne Rückzugsraum befinden, in Zeiten ohne Kontakt zu Gleichaltrigen und in einem gestressten Umfeld, signifikant gefährdet. Viele Kinder sind zusätzlich durch den schulischen Druck herausgefordert. Auf emotionaler Ebene beginnt dies schon allein damit, dass Kinder nun den safe space des Elternhauses mit der Leistungsinstitution Schule verbinden müssen. Wo beginnt der Unterricht, wo endet das Familienleben? Sind Trennungen beider Lebensbereiche überhaupt noch gegeben oder verschwimmt beides nun völlig in der Wahrnehmung des Kindes? Und welchen Einfluss hat dies auf die emotional-soziale Gesundheit? Während zuvor eine klare räumliche Trennung beider Lebensbereiche vorhanden war, ist dem Druck des Lernens und Leistens momentan nicht mal mehr zu Hause zu entkommen. Dass Heranwachsende von ihren Eltern Zuneigung und Anerkennung erhalten wollen, erleichtert das gemeinsame Lernen, welches häufig in Wutausbrüchen und Tränen endet, nicht gerade. Die Angst zu versagen taucht auf, einhergehend mit Motivationsverlust, Trauer und Wut. Schon im Grundschulalter können sich negative Selbstkonzepte von SchülerInnen manifestieren. Dabei reichen schon wenige Situationen aus, um sich für den Rest der Schullaufbahn, oder vielleicht sogar für den Rest des Lebens, als dumm, unkonzentriert, faul oder als VerliererIn zu stigmatisieren. Doch trotz der gerade in diesen Zeiten erforderlichen Sensibilität für das Kind, verwundert es kaum, dass Eltern aufgrund äußerer Umstände momentan ein höheres Aggressionspotential aufweisen als sonst. So kann es geschehen, dass die Geduld immer geringer und Lernen von beiden Seiten nur noch als Kampf wahrgenommen wird.

SchülerInnen, die sich vor einem Abschluss befinden, müssen nun nicht nur den enormen Leistungsdruck aushalten, sie können gleichzeitig durch eventuelle Existenzsorgen ihrer Familien und den fehlenden Peerkontakt emotional geschwächt sein. Viele von ihnen wohnen mit Risikopatientinnen zusammen und müssen verstärkte Rück- und Vorsicht an den Tag legen. Ob es sich als tatsächliche Hilfe darstellt, dass die Regierung freistellt, Abiturientinnen in dieser Situation zur Schule kommen zu lassen oder von zu Hause aus zu lernen, sei dahingestellt. Fakt ist, dass Unsicherheit und Angst sich sehr wohl auf das Lernverhalten auswirken.

Natürlich lässt sich an dieser Stelle anführen, dass es Kinder gibt, die gut mit der Schule und ihren Anforderungen zurechtkommen. Aber auf diese möchte ich mich hier bewusst nicht beziehen. Mein Blick gilt denjenigen, die sich schon im Unterricht durch die Stunden quälen, demotiviert sind und mit jeder schlechten Leistung introvertierter werden. Mein Blick gilt denjenigen, die sich in diesem System an Zahlen orientieren, die rein gar nichts über ihren Selbstwert aussagen. Mein Blick gilt denjenigen, die nicht aus hochgebildeten Familien kommen und in ihren 20qm-Zimmern mit Blick auf den Wald ihre Schulaufgaben erledigen, während ein Elternteil arbeitet und das andere ohne finanzielle Sorgen für die Carearbeit aufkommt. Ja, es gibt glücklicherweise solche Kindheiten. Aber Kindheit sieht häufig anders aus.

von: Mathis Gilsbach

Trotz schwieriger Umstände zeigt uns die momentane Zeit auf, was im Schulsystem verbessert werden kann. Selbstständigkeit und das Verstärken digitaler Kompetenzen sind, falls die Zugangsvoraussetzungen gegeben sind, eine Chance dieser Krise. Das Konzept von starren Lernrahmen durch fest getaktete Zeiten und Pflichtthemen geht selten auf. Kinder lernen nachhaltiger und leichter, wenn sie mit Spaß und Interesse einer Sache nachgehen – insbesondere zu Hause. Außerdem hat jeder Mensch eine eigene innere Uhr, mit individuellen Phasen, in denen am besten gelernt werden kann. Dies kann für manche morgens 9 Uhr sein, für andere 18 Uhr am Abend sein. Dass ein Kind beim Beobachten eines Tieres im Wald, beim Lesen eines Sachbuches oder beim gemeinsamen Kochen Kompetenzen erwirbt, die ebenso bedeutend sind, wie jene, die im Unterricht vermittelt werden, wird leider häufig unterschätzt. Das Ziel sollte es sein, die natürliche Neugierde eines Kindes und dessen ForscherInnengeist zu stärken und Methoden beizubringen, mit dem es selbstständig und reflektiert heranwächst. Dazu gehört bspw. ein kritischer Umgang mit Medien. Die Schule, die sich sowohl digital als auch didaktisch gefühlt auf dem Stand des vorletzten Jahrhunderts befindet, kann sich dank des Shutdowns nicht mehr vor Digitalisierung retten. Es wurde aber auch mal Zeit, wissenschaftliche Erkenntnisse von vor 20 Jahren endlich umzusetzen! Nun müssen sich Bildungseinrichtungen mit jenen Medien, aber auch mit Medienkompetenz auseinandersetzen und können diese Dinge nicht mehr nur der Generation der Digital Natives unterjubeln.

Ob ein Kind nun Faktenwissen beherrscht oder nicht, wird im Informationszeitalter zweitrangig. Ein positives Gefühl beim Lernen sorgt auch dafür, dass ein gesundes Selbstwertgefühl aufgebaut werden kann.

Ich träume von einem Schulsystem, welches das Kind als Individuum ressourcen- und stärkenorientiert begleitet, anstelle eines defizitbetonten Leistungssystems. Ein Kind, das in Freiheit und in einem liebevollen, wertschätzenden Umfeld lernt, entwickelt sich zu einem eigenständigen, bewussten und mitfühlenden Menschen. Konkurrenz adé – das wünsche ich mir sehr für die Zukunft. Durch diese Krise kommen endlich Schwachstellen des Schulsystems ans Licht, die seit Jahrzehnten ausgehalten und von der Bildungspolitik ignoriert werden. Vielleicht bedarf es auch in diesem Lebensbereich einer Krisensituation, um endlich etwas zu ändern und die (Bildungs-)Welt zu einem fairen und barrierefreien Ort zu machen.

https://deutsches-schulportal.de/unterricht/das-deutsche-schulbarometer-spezial-corona-krise/

https://deutsches-schulportal.de/schulkultur/kommunikation-mit-eltern-corona-krise-wie-schulen-mit-eltern-in-der-krise-kooperieren/

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