Text und Bild: Laura Gerloff 


Und damit ist eigentlich alles gesagt. Zwei Wochen bevor ich das hier schreiben werde, liegen Bea und ich auf der Wiese im Park. R.E.M. wird uns ankündigen, wie es weitergeht ab jetzt: It’s the end of the world as we know it – es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Aber das wissen wir damals noch nicht. Damals sind wir zwar auf Abstand, ein Meter trennt uns voneinander, sogar bei der Begrüßung. Damals gehen wir nicht an überfüllte Orte, aber damals haben wir trotzdem schon irgendwie die Ahnung, dass das nicht reichen wird. Dass dies mein letzter Tag „in Freiheit“ sein würde, konnte ich dennoch nicht ahnen. 

Was bisher geschah 

Was seit Anfang Februar hier in Norditalien passiert, wurde von wirklich allen Medien tausendfach nachgezeichnet: Steigende Infektionsraten, geschlossene sogenannte rote Zonen, die Absage von immer mehr Großveranstaltungen, Einschränkungen des öffentlichen Lebens, Schließung der Schulen und schlussendlich auch des produktiven Sektors, womit wir bei der aktuellen Situation, also der fast totalen Quarantäne angekommen wären. Ich möchte das nicht nochmal analysieren, nicht nochmal sagen, was wir hätten anders machen sollen und dass sich in Deutschland doch bitte alle ein Beispiel nehmen und die Hände waschen sollten. Ich will auch keinen Vergleich anstellen, um zu erläutern, warum in Italien mit 5.000 Intensivbetten mehr Menschen sterben als in Deutschland mit 28.000. Das ist alles schon getan worden, es reicht auch hoffentlich aus, um noch die letzten Skeptiker*innen davon zu überzeugen, dass es notwendig ist, sich solidarisch zu zeigen und in einer Situation wie dieser im Haus zu bleiben, um Risikogruppen zu schützen. Dieser Text soll keine der 65 Corona-Eilmeldungen sein, mit denen die Nachrichten-Apps uns täglich versichern, dass wir jetzt doch alle Zeit der Welt hätten zu Hause in Panik zu verfallen und uns dabei den Summerbody unseres Lebens anzutrainieren.

So – jetzt, wo das klargestellt ist, trotzdem eine kleine Enttäuschungswarnung: Es wird ein bisschen um die Quarantäne gehen, denn es ist der Zustand, der die Machtlosigkeit dieser Tage am besten beschreibt. Denn es ist tatsächlich das Ende der Welt, wie wir sie kennen, was aber vielleicht ja gar nicht schlecht sein muss. 

Hurra, diese Welt geht unter

Vor ein paar Tagen sah ich mir aus alter Gewohnheit das KIZ Musikvideo zu „Hurra, diese Welt geht unter“ an und las anschließend aus Interesse die Kommentare durch. Ich wollte wissen, ob es bezüglich Covid19 irgendwelche Anmerkungen gab. Und tatsächlich: Aufzählungen von all den Dingen, die 2020 schon passiert waren, prasselten auf mich ein: Die Feuer in Australien, die Angst vor dem dritten Weltkrieg durch den Iran und die USA, eine konstante Bedrohung durch die Klimakrise, rechtsterroristische, rassistische Anschläge in Shishabars, die menschenverachtende Situation auf den griechischen Inseln, der Coronavirus und schlussendlich eine bevorstehende Weltwirtschaftskrise, die es seit der großen Depression 1930 nicht mehr in dieser Form gegeben haben soll. 

©Jennifer Beuse

Währenddessen bin ich in Quarantäne. Während diese Nachrichten auf meinem Bildschirm eintreffen, treffen sie auch mich und ich versuche ebenfalls jemanden damit zu treffen, aber vor mir ist eben im Moment die Wand. Also gehe ich die Treppe runter, will frische Luft, sitze fünf Minuten auf dem Bürgersteig und die Polizei fährt vorbei. Die beiden Männer im Auto haben Atemmasken auf und schreien mir zu, ich solle gefälligst wieder ins Haus gehen und ich könne doch wohl ein bisschen dortbleiben. Das sei nicht so schwierig. Und ich verstehe das natürlich. Aber kennst du das, wenn dir alles auf der Welt sagt, dass du viel zu klein bist? Gut, eine meiner besten Freundinnen in dieser Quarantäne, Hannah Arendt, kannte das auch, – aber damit hat sie sich nicht aufgehalten. In „Die Freiheit, frei zu sein“, einem ihrer bekanntesten Essays, schreibt sie, dass wir etwas beginnen können, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind. Sie schreibt auch, dass eine Revolution nur dann im vollen Wortsinne eine Revolution wird, „wenn Menschen bereit und in der Lage sind, die Macht aufzugreifen, in das Machtvakuum vorzustoßen und sozusagen einzudringen.“ 

©Lena Leitner

Und wer macht die Revolution jetzt? Wir, damit meine ich unsere Generation. Wir sehen uns mit einigen der größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte konfrontiert. Seit einiger Zeit nun, so scheint es, ist jeder Tag die Chance auf eine komplette Erneuerung, eine Revolution dessen, was uns eigentlich als unabänderlich erschien. Nehmen wir einmal die Schulpflicht. Wie schnell die digitale Wende passieren muss und wie groß die Ungleichheit bei Bildungschancen ist, das zeigt uns der improvisierte Skype-Unterricht. Wie sehr wir auf soziale Kontakte angewiesen sind, zeigt uns die Isolation. Wie unkompliziert es ist, den globalen Flugverkehr einzuschränken, das zeigt uns die Schließung ganzer Flughäfen. Wie einfach Menschenrechte außer Kraft gesetzt werden können, wenn die mediale Aufmerksamkeit auf anderen Themen lastet, das zeigt uns die Außenpolitik der EU. Wie unabdinglich eine Reform, eine Priorisierung der lebenswichtigen Wirtschaftssektoren, der tragenden Säulen unserer Gesellschaft ist, das zeigt uns ein überlastetes Gesundheitssystem. Wie wichtig es ist, dass jede Person das Recht auf eine Wohnung hat, wird spätestens jetzt, wo die Tafeln und andere Hilfseinrichtungen schließen, so klar wie nie zuvor: Wie bleibst du im Haus, wenn du keines hast? Wie schnell und undemokratisch politische Beschlüsse „von oben“ gefasst werden können, zeigen uns die fast täglichen Livestreams mit neuen Verordnungen des italienischen Ministerpräsidenten Conte. Wie instabil alles ist, wie stark unsere Gesellschaft auf jede einzelne Person angewiesen ist und wie unwirksam ein kapitalistisches Wirtschaftssystem gerade in Krisen ist, das alles fällt uns in diesen Tagen wie Schuppen von den Augen. Aber währenddessen sind wir in Italien in Quarantäne und auch in Deutschland beginnt sie gerade. All das stellt uns vor eine Herausforderung, die zur Verzweiflung treiben kann. 

So I start a revolution from my bed

Die Verzweiflung klopft alle paar Tage an meine Tür, aber inzwischen habe ich keine Zeit mehr für sie. Ich bin in bester Gesellschaft. Da gibt es nämlich doch noch was, es gibt immer noch eine andere Seite. „So I start a revolution from my bed“, singt einer meiner alten Freunde, Oasis’ Leadsänger Liam Gallagher. Wir sind „das kleine, warme Zentrum, um das sich das Treiben der Welt drängt“, schreibt Chuck Palahniuk, mein neuer Bekannter in „Fight Club“. Weil, wie jeder weiß, Sprechen „nichts Weiteres als eine andere Form des politischen Handelns“ ist, ergänzt Hannah Arendt- die ich euch ja bereits vorgestellt habe. 

Damit stellt sich die Frage: Wer soll diese Probleme angehen, wenn nicht wir, auf die nicht in der Ägäis geschossen wird? Und wenn uns der Summerbody vielleicht gar nicht so wichtig ist, weil ehrlich gesagt jeder Körper ein Summerbody ist, nur halt im Sommer, dann könnten wir uns ja vielleicht überlegen, was danach kommen soll. 

Wir verlieren Zeit.

Auf der Unteilbar Demonstration im August 2019 in Dresden hielt Carolin Emcke eine Rede, in der sie die Herausforderungen für die Gesellschaft von morgen ansprach: „Wir verlieren Zeit, die wir für das brauchen, was wirklich wichtig ist. Wir verlieren Zeit, in der wir uns mit den ernsthaften, politischen und sozialen Fragen unserer Gegenwart beschäftigen könnten“, warnte sie dort von der Bühne aus. Und dann, später, nach vielen Fragen, schloss sie die Rede ab mit der einen, ganz essenziellen Frage: „In welcher Welt, wollen wir leben?“ Es gibt keinen besseren Zeitpunkt, um sich diese Frage zu stellen. Was kommt nach der Quarantäne? Abseits von allen Selbstoptimierungstipps, die das Internet für uns in den nächsten Wochen bereithält, sollten wir uns vielleicht diese einfache, aber doch auch unendlich komplexe Frage stellen. 

Und jetzt? Jetzt schaue ich immer noch die Wand an. Ein anderer Quarantäne-Freund, Jack Folla, soll aber einmal gesagt haben: „Ein Mensch, der die Wand anschaut, ist nur ein Mensch, der die Wand anschaut. Aber zwei Menschen, die die Wand anschauen, sind der Anfang eines Ausbruchs.“ 

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