Text und Illustration von Leonie Ziem

Betrachtungen, eine Ich-Perspektive und das Klima, das sich nicht selbst schützt

Wir sitzen im Schneidersitz vor dem Lessing-Gymnasium in Berlin. Es ist der 23. Mai, ein Tag vor dem nächsten großen Schüler*innenstreik. Die zwei Mädchen, die mir gegenübersitzen, stellen sich mir mit ihrem Demo-Namen vor. Sie wollen „Sterni“ und „Schnuppe“ genannt werden. Die beiden sind 15 und 16 Jahre alt und gehen in die 11. Klasse. Um uns herum hat sich eine Menschentraube angesammelt. Schüler*innen und Studierende stehen herum, zwei Banner liegen auf dem Boden, die gerade bemalt werden. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sind zwei Polizeiautos geparkt – der Staat guckt zu.

Vor dem Lessing-Gymnasium Berlin

Die beiden Mädchen sind Schülerinnen des Lessing-Gymnasiums und Teil der Fridays For Future-Bewegung. „Wir wollen uns um unsere Zukunft und die der folgenden Generationen kümmern, weil die Älteren es nicht geschafft haben“, sagt Sterni. Der Direktor habe das Streiken nun untersagt und wolle es als unentschuldigt eintragen lassen. „Zudem hat er auch mit der Nichtversetzung von Schülern gedroht, die öfter bei Fridays For Future waren. Und das geht gar nicht. Denn die Schule soll uns eigentlich dazu ausbilden, Teil der Gesellschaft zu werden und sie mitzugestalten. Wir gestalten sie dadurch mit, dass wir auf die Klimakrise aufmerksam machen.“
Ich nicke kräftig und freue mich heimlich, wie gut Sterni es auf den Punkt bringt. „Es ist unsere Zukunft. Wir müssen damit leben können – und wenn wir jetzt nicht handeln, dann wird’s nichts mehr“, fügt Schnuppe hinzu.

Erziehung zur (Un)mündigkeit

Ich will ihre Worte mit grellem Marker unterstreichen. Will ihre Schule ernsthaft meinungsschwache, konforme Bürger*innen heranziehen, indem sie den engagierten Leuten mit Ordnungsmaßnahen droht?
Die Klimakrise wird zudem dadurch banalisiert. Statt sie als Krise anzuerkennen, tut man sie als eine Meinung ab, für die man aufstehen kann oder es (am besten) einfach lässt. Schulische Repressalien gegenüber Schüler*innen gaukeln diesen vor, die Klimakrise wäre nicht existenziell. Es vermittelt, dass es schon irgendwie okay ist, nicht zu handeln. Wer darunter leidet, sind die jungen Menschen – Schüler*innen! – die es geschafft haben, die Klimakrise in das Licht der Öffentlichkeit zu ziehen. Ein Licht, das noch viel zu lange mit Strom aus Kohlekraft betrieben werden soll. Schulische Repressionen – das sind nicht nur klimatechnischer, sondern auch pädagogischer Müll.
Am liebsten will ich mich zu den anderen Studierenden gesellen, die heute das Gymnasium belagern. Sie sind ebenfalls Teil der Fridays For Future-Bewegung und haben sich hier versammelt, um gegen die Regelung des Direktors zu protestieren.

Vor dem Lessing-Gymnasium Berlin

Ich stelle mich nicht dazu. Ich bin heute nicht als Protestierende hier – ich will verstehen. Verstehen, warum nicht alle Schulleiter*innen das Projekt der Bildung als ein ganzheitliches ansehen. Warum werden Demonstrationen, wie sie die Fridays For Future-Bewegung jeden Freitag auf die Beine stellt, nicht als eine großartige Gelegenheit gesehen, die jungen Menschen zeigen kann, wie Partizipation innerhalb einer Demokratie funktioniert? Immerhin hat Bildung nicht nur einen akademischen Aspekt. Bildung sollte auch demokratiefördernd sein.

„Die Schule soll Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Werthaltungen vermitteln, die die Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzen, ihre Entscheidungen selbständig zu treffen und selbständig weiterzulernen, um berufliche und persönliche Entwicklungsaufgaben zu bewältigen, das eigene Leben aktiv zu gestalten, verantwortlich am sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen und die Zukunft der Gesellschaft mitzuformen.“

Berliner Schulgesetz

Wenn Schüler*innen sich an den Demos beteiligen, ist dies doch ein wunderbares Anzeichen dafür, dass die Bildung bei ihnen gefruchtet hat. Die Bemühungen, gegen die Fridays For Future Demonstrationen zu arbeiten, indem Schulleiter*innen die Schulpflicht priorisieren, ist nicht zuletzt der gelebten Widersprüchlichkeit geschuldet, in die wir uns früh einüben: Klimaschutzziele als wichtig zu erklären, aber dann nichts – oder das Gegenteil – tun, um diese zu erreichen.

Ist das ein Mensch oder ein Paragraph, der da auf dem Sessel im Schulbüro sitzt?

Aber ich bin ja nicht hier um einen Beschwerdebrief an das Leben zu schreiben. Er wäre sehr lang, und nach ein paar Seiten würde man ihn nicht mehr lesen können, ganz so wie die letzte Seite einer Klausur auch nie in Schönschrift geschrieben werden kann. Auch bin ich nicht hier, um Parolen zu rufen.

Stattdessen rede ich mit dem Schulleiter. Michael Wüstenberg ist groß, dunkelhaarig und ich merke schnell, dass er gern Schulleiter ist. „Seit 2007!“ erklärt er. SPIEGEL ONLINE habe gerade auch schon angerufen, erzählt er, als wir uns in sein Büro setzen. Während meines Interviews kommt die Schulsekretärin herein und erklärt, die Morgenpost sei da. Wüstenberg wirkt gelassen, er habe ein gutes Gewissen, versichert er mir ein wenig zu oft. Er erzählt, wie das mit den Demonstrationen an seiner Schule losging. „Damals ging ich noch ein bisschen naiv wie alle anderen in meinem Umfeld davon aus, dass sich das nach vier, fünf oder sechs Wochen wieder beruhigt.“ Das war nicht der Fall. Also verfasste er im Mai dann ein Schreiben. Ich darf das Schreiben mitnehmen – es ist der Grund, warum die Schule heute so belagert wird. Wüstenberg betont, dass das Schreiben nicht böse gemeint sei. Es soll nicht drohen, es will nur informieren.

Klimakrise oder beliebige politische Strömung?

Der Inhalt des Schreibens: Es gäbe eine Mindestanwesenheitspflicht. Schulen dürften für Fridays For Future keine Ausnahme machen. „Was, wenn Menschen demonstrieren für Zielsetzungen, die uns nicht gefallen? Wenn wir hier die Demos befürworten, dann müssen wir das auch für alle öffnen, egal welche Zielsetzung. Wenn nun jetzt Schüler demonstrieren würden und Parolen wie Ausländer raus rufen, dann würden wir das nicht mehr gut finden.“ Er sieht sich selbst nicht als ein Schulleiter, der seine Schüler*innen bestraft, wenn sie denken: „Sie sollen ja denken. Da bin ich ja auch stolz drauf!“ Man könne aber nicht jeden Tag in der Schule über die Umwelt reden. Wenn es seine Kinder wären, würde er ihnen sagen, dass es noch Jahrzehnte braucht, um in Deutschland und weltweit Dinge zu verändern. „Sie müssen dann aber trotzdem zur Schule gehen. Weil das Problem sich ja nicht heute löst – und auch nicht morgen. Ich weiß nicht, wann diese Streiks zu Ende sein sollen. Das arktische Eis wird in den nächsten Jahren weiter schmelzen. Da kommt man jetzt in einen Bereich, indem die Kinder zwei, drei Jahre Freitags nicht mehr zur Schule gehen.“

Die Klimakrise ist für Wüstenberg real. Er befürwortet die Ziele von Fridays For Future. Er denkt über das Eis nach, das schmilzt. Er sorgt sich um die fortdauernde Klimakrise, die sich durch die nächsten Jahre frisst – solange man nichts tut. Diese Fortdauer der Krise benutzt er jedoch als Argument, um Schüler*innen davon zu überzeugen, Freitags nicht streiken zu gehen. Das überfordert sogar meinen Sinn für Absurdität.

Die andere Frage jedoch lässt mich nachdenken. Müssen wir den Streik – und damit das Fernbleiben vom Unterricht – von seiner Zielsetzung trennen? Wie kann man als Institution Schule einige politischen Ziele befürworten, andere aber ablehnen? Ist am Ende das einzig demokratische, alle Streikenden zu strafen?

Spontaner Besuch in der Vergangenheit

Spontan steige ich in die U-Bahn und fahre einmal quer durch Berlin. Als ich aussteige, atme ich sechs Jahre Erinnerungen ein: Ich bin wieder an meiner alten Schule, dem Paul-Natorp-Gymnasium. Ich klopfe an die Tür von Herrn Fuß, meinem alten Schulleiter. Zu meiner Schulzeit hatte er sich den Ruf eines „Paragraphenhengstes“ erworben, verbot Wasserpistolen und Konfetti für den Abistreich. Inzwischen geht mir auf, dass das mit dem Konfetti-Verbot eigentlich eine klimafreundliche Maßnahme ist.
Fuß erklärt: „Die Schüler müssen entscheiden, ob sie für ihre politischen Positionen auch Nachteile in Kauf nehmen. Das ist auch eine Frage von Zivilcourage und Mündigkeit. Der Hintergrund ist, dass wir als Schule in dem Falle eine Behörde sind.“ Die Behördenhandlungen, so Fuß, müssten nach Recht und Gesetz erfolgen und dürften nicht davon beeinflusst werden, weshalb die Schüler*innen fehlen. „Wenn ein Schüler fehlt, dann dürfen wir nicht die Frage stellen: Geht er zur AfD-Demo oder trifft er sich mit seiner Freundin im Park und kifft? Das darf nicht unser Behördenhandeln bestimmen. Da müssen wir völlig politisch neutral sein, weil wir sonst über die politische Einstellung unserer Schülerinnen und Schüler urteilen – das darf es nicht sein.“
Ich nicke automatisch. Wie recht er doch hat, denke ich. Zumindest wenn man die Schule wirklich primär als Behörde ansehen will, statt einem Bildungsort, dessen Rahmenlehrplan sowieso immer auch normativ ist.
Die Bildung hatte bisher soweit Erfolg, dass bei den Wahlen, die für unter 18 Jährige simuliert werden, die AfD einen geringen Anteil der Stimmen erwirbt. Ich frage ihn, ob es denn wirklich so schlimm sei, Schüler*innen einfach bei jeglichen Streiks freizustellen. Immerhin: Demokratie live, in HD und hautnah. Why not? „Das darf es nicht sein, weil die Schule einen klaren gesetzlichen Auftrag hat, nämlich Unterricht durchzuführen“, erklärt er.

Das „ Ich finde Fridays For Future gut, aber…“ -Argument

Natürlich finde er Fridays For Future gut – persönlich. Doch: „Andere Möglichkeiten gäbe es schon. Ich sag mal, eine regelmäßige, gut besuchte Sonntagsdemonstration würde auch aufrütteln. Natürlich ist da erstmal die Provokation weg. Aber als Mensch und Vater von drei Kindern sage ich, das Problem an Fridays For Future ist, dass es Freitags stattfindet. Dann fällt immer der gleiche Unterricht aus.“

Die Klimakrise sei relativ abstrakt. Warum demonstriert man nicht gegen Saudi-Arabien und das, was sie im Jemen machen, will Fuß wissen. Auf meine Nachfrage erklärt er: „Abstrakt im Sinne, dass sie uns noch nicht betrifft. Meine persönliche Meinung als Historiker ist, dass die Menschheit als Art es noch immer geschafft hat, mit allen Problemen umzugehen. Und, warum sollen sie es damit nicht auch schaffen?“ Dann erzählt er noch seinen Lieblingswitz, der von Planeten handelt, sie sich im All treffen und einander von ihrer Krankheit Homo Sapiens erzählen, die der eine schon überwunden habe.

Übrigens ein bisschen weniger abstrakt: Der Inselstaat Tuvalu im Pazifik hat in Anbetracht der Klimakrise bereits Asyl in Neuseeland und Australien beantragt.
Das einzige Argument, das mich zum Nachdenken bringt: Man könne als Schule nicht nur ein politisches Ziel befürworten – und ein anderes dann nicht. Es geht um die Frage, ob wir den Streik von seinem Inhalt trennen sollten.

Hier einige Antworten:

1. Man erlaubt Schüler*innen während der Schulzeit zu jeder Demo zu gehen. Das wäre demokratiestiftend. Wenn man bis zum 18. Lebensjahr per Wahlrecht aus der direkten Partizipation ausgeschlossen ist, könnte man wenigstens in diesen Lebensjahren das Privileg genießen, zu jeder Zeit zu jeder Demo zu gehen, die man für wichtig hält.

2. Kann man Demos tatsächlich von ihrem Inhalt trennen? Wissenschaftler*innen unterstützen Greta Thunberg: Unser Haus brennt! Jetzt beobachten wir, wie Schüler*innen losrennen. Sie brüllen all diejenigen, die an einen Feuerlöscher herankommen, an, ihn gefälligst herunterzuholen und anzufangen zu löschen. In diesem brennenden Haus würde sich niemand mehr Gedanken darum machen, welche Stunden sie verpassten.

3. Folglich wären Schulleiter*innen, die sich auf die Seite der Schüler*innen schlagen, ein Zeichen dafür, dass sie die Aussagen der Wissenschaftler*innen verstehen. Sie würden eine Verantwortung gegenüber Schüler*innen weltweit übernehmen, indem sie die Dringlichkeit der Klimakrise aufzeigen.

Wer Schulpflicht über die Klimakrise stellt, braucht vielleicht einfach eine Runde Unterrichtspflicht bei führenden Klimaforscher*innen.

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