von Leonie Ziem | Illustration: „Ich bin keine Erdbeere“ © Anne Meerpohl

Tabubrüche lassen oft Ausrufe- und Fragezeichen regnen. Manchmal fordern die ganzen Fragezeichen im Kopf mich dann zum Tanzen auf. Im Dreivierteltakt wispern die Fragezeichen dann Dinge, die andere sich nicht trauen, laut auszusprechen. Im diffusen Stimmengewirr höre ich was von der Vulva im Patriarchat, vielleicht ist heute Mottotag Feminismus. Ich begebe mich auf die Suche nach Antworten.

These 1 von Margarete Stokowski (in ihrem Roman Untenrum frei): Vulvas sind in einer männerdominierten Gesellschaft unterrepräsentiert.
These 2 von Liv Strömquist (in ihrem Comicbuch Der Urspung der Welt): Das eigentliche Problem sind Männer, die sich ein bisschen zu sehr für die Vulva interessieren.

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Gleichzeitigkeit der Dinge. Denn Vulvas sind massiv unterrepräsentiert. Die Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal forderte weitere Wissenschaftlerinnen dazu auf, Geschlechtsorgane zu zeichnen.  Jede von ihnen konnte einen Penis malen, aber keine etwas, das tatsächlich wie eine Vulva aussah. 

Gleichzeitig stellt Liv Strömquist eine Reihe von einflussreichen Männern vor, die sich ein bisschen zu sehr für die Vulva (oder auch für die „Vulvina“, die die Vulva und Vagina begrifflich vereint) interessieren. Da haben wir John Harvey Kellog (1852 – 1943), den Erfinder der Cornflakes. Als Arzt wollte er Frauen davon abhalten, ihr Geschlechtsorgan anzufassen. Ganz erpicht war Kellog darauf, in seinen Büchern herauszustellen, dass Onanie zu Epilepsie, Wahnsinn, Gebärmutterkrebs oder was-auch-immer führt.
Er ist in guter Gesellschaft mit Dr. Isaac Baker-Brown (1811 – 1873), der im Kampf gegen die Onanie den pragmatischen Vorschlag machte, die Klitoris einfach heraus zu operieren. Verzeihung, er redete nicht nur darüber, er tat es auch. In einer ähnlichen Tradition steht John Money (1921-2006), der so verliebt in das binäre Geschlechtssystem (es gibt nur die Frau und den Mann) ist, dass er kerngesunden Babys, die ohne ein eindeutig einzuordnendes Geschlecht auf die Welt kommen, eine Vulva oder einen Penis verpasste. Schönheits-OPs an Babys zum Wohle der traditionellen zwei Schubladen. Diese Theorie schlug ein wie eine Bombe und wird noch heute an Neugeborenen praktiziert.  Nach einer Klage beim Bundesverfassungsgericht gibt es seit kurzem die Möglichkeit, neben männlich und weiblich auch „divers“ ins Geburtenregister eintragen zu lassen. Solche Schönheits-OP’s sterben damit in Zukunft hoffentlich aus.

Illustration: © Nora Boiko

Vulva vs. Vagina

Meistens sind es sogenannte Vaginas, die uns, parallel zu dieser ernüchternden Karriere der Vulva, aus den Biologiebüchern adrett anlächeln. Dabei bezeichnet Vagina nur den Bereich, der den äußeren Teil des Geschlechtsorgans, die Vulva, und die Gebärmutter verbindet. Also quasi die Region, die im Erkenntnisinteresse des (Hetero-) Penis liegt. Ein Phänomen, das weit verbreitet vor sich hin lebt: Der Penis wird als autonomes Geschlechtsorgan begriffen, während die Vulva sein Gegenstück bietet, in das er eindringen kann. Die Vulva definiert sich über den Penis. Warum wird sie feucht? Damit der Penis eindringen kann! Quelle: Biologiebuch. Unser ganzes Aufklärungsmodell fußt auf Heteronormatismus von gestern. Sorry, vorgestern. Margarete Stokowski und ich haben den Verdacht, dass meine Biologielehrer*innen jedoch  genauso wenig wie ich wussten, was es eigentlich mit diesem einen, nicht ganz unwichtigen Organ am Körper der Frau auf sich hat.

Der winzige Punkt in meinem Biologiebuch ist übrigens die Klitoris und ziemlich groß(artig), habe ich herausgefunden. Sie ist ein 7 bis 10 Zentimeter großes Organ, das die Vulva ummantelt und anschwillt, wenn die Frau erregt ist. Durch feministische Literatur weiß ich außerdem erst, dass es auch weibliche Ejakulation gibt.

Collage: © Leonie Ziem

Die Vulva hat es schwer im Patriarchat

Weil Patriarchat nach einem schwülstigen, pathosbesetzten Begriff klingt, benutze ich ihn am liebsten mit einem Glas Wein in der Hand. In einer verrauchten Bar in Neukölln würde ich mich dabei zumindest ernst genommen fühlen. Dann würde ich vielleicht sowas sagen wie: „Das Patriarchat lebt und es ist quicklebendig!“, oder auch was ganz anderes. Denn dieser Begriff, das Patriarchat, klingt in manchen Ohren noch immer nach Ideologie. Deswegen zögere ich kurz, bevor ich mich dazu entschließe, ihn in diesem Artikel zu verwenden. Ich tippe ihn vorsichtig in Schriftgröße 11 neben die anderen gesellschaftstauglicheren Worten in diesem Text, auf die Gefahr hin, dass das Patriarchat so etwas antwortet wie: „Eine hysterische, paranoide Feministin, wir haben es doch schon immer gewusst“.
Doch ist es nun mal so, dass Männer seit Jahrhunderten die Geschichte schreiben, die eigentlich den Anspruch hat, eine Menschheitsgeschichte zu sein. Somit bräuchte sie  definitiv mehr als nur ein Narrativ. Wenn in Geschichtsbüchern die Rede davon ist, wie in irgendwelchen  griechischen Polis die Demokratie Premiere gefeiert hat, wird von den Bürgern und ihrer Mitbestimmung erzählt. Erst dann wird – wenn überhaupt – in einem Nebensatz erwähnt, dass es tatsächlich nur um die Bürger ging, und nicht um die Bürgerinnen. Das generische Maskulinum ist sehr gut darin, solche Tatsachen zu verstecken.

Collage: © Leonie Ziem

Machstrukturen sind leider noch nicht Geschichte. Unabhängig von all den Gehaltsunterschieden, Positionen und Rechten, die an die Geschlechter geknüpft sind, ist auch unsere Kultur männerdominiert. Die Autorin Stokowski berichtet in ihrem Roman Untenrum Frei über eine Studie von 2011, die Aussagen aus Männerzeitschriften und Aussagen von Vergewaltigern Testpersonen vorlegte, die dann unterscheiden sollten, welche Aussagen zu wem gehörten.
Beispiel 1: „Ich denke, Mädchen sind wie Knetmasse. Wenn du sie aufwärmst, kannst du alles mit ihnen tun.“
Beispiel 2: „Die meisten Mädchen werden nur widerwillig mit jemandem ins Bett gehen […]. Aber normalerweise kann man sie verführen, und dann tun sie es gern.“
Die Testpersonen waren nicht dazu im Stande, die Aussagen richtig zuzuordnen. (Auflösung: Beispiel 1 ist aus einer Männerzeitschrift, Beispiel 2 von einem Vergewaltiger). 

Deshalb schreibe ich also: Die Vulva im Patriarchat

Aber Erster Fehler: Es gibt nicht die Vulva. Viele Frauen schämen sich, weil sie ihre inneren Schamlippen als zu groß empfinden. Bei einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Intimchirurgie und Genitalästhetik e.V. von 2014  gaben 49,1 Prozent der befragten Frauen an, ihren Schambereich als „nicht so schön“ und 23,1 Prozent davon als „hässlich“ zu empfinden.
Lösungsvorschlag: Her mit den Vulvas! Lasst uns sie in all ihren wunderschönen Erscheinungen präsenter machen! Vulva for president!

Bild: © Leonie Ziem

Zweiter Fehler: Die Sexualität der Frau* ist mit Scham besetzt und kaum erforscht. Ist diese zu lustlos, wird sie als frigide dargestellt, ist sie zu lustvoll, gilt sie als billig. Mit dem Einzug der patriarchalischen Religionen kamen auch die Strukturen. Jungfrau oder Hure. Du darfst dich entscheiden.  So beschreibt Liv Strömquist in ihrem Comicbuch die Geschichte einer Unterdrückung. Sie zeigt auf, wie allein der Begriff Sex völlig heteronormativ und männerdominiert ist. Vorranging wird der Akt der Penetration mit dem Begriff „Sex“ assoziiert, also rein und raus, rein und raus. Dabei kommen bloß ein Drittel aller Frauen.  Genauso gut könnte man das „Vorspiel“ auch „Sex“ nennen, denn alles was danach kommt, wäre für die meisten Frauen dann bloß „Nachspiel“.
Lösungsvorschlag: Die erste wirklich großangelegte Studie, die sich mit der Lust der Frau beschäftigt, ist omgyes . Die Website bietet die Möglichkeit, sich durch Videos zu klicken und Frauen dabei zu betrachten, wie sie masturbieren. Dabei werden Tipps und Tricks erklärt und eine Vielzahl von verschiedenen Techniken aufgezeigt, die die Masturbation verbessern könnten. Es gibt nicht die eine Methode.

Dritter Fehler: Wir haben eine klare Vorstellung davon, welche Praktiken in so einen Ablaufplan des sexuellen Kontakts gehören und welche To-Do-Liste es beim Austausch von Intimitäten zu erfüllen gilt. In der heute vermeintlich so aufgeklärten Gesellschaft scheint es manchen noch immer unbegreiflich, wenn Individuen bestimmte Dinge ablehnen.  Manche Frauen mögen es nicht besonders, geleckt zu werden. Punkt. Man kann argumentieren, dass es vielleicht etwas damit zu tun hat, dass diese Situation sehr an die beim Frauenarzt erinnert oder dass irgendwelche sozialaufgelegten Komplexe auf diese Frauen einwirken. Jedoch müssen diese armen Dinger nicht endlich davon befreit werden.
Lösungsvorschlag: Zunächst mal kann man sich nur selbst befreien. Und zweitens ist es in Ordnung bestimmte Dinge zu mögen oder nicht zu mögen. Ich unterhielt mich mal mit einer Freundin, die einen Kuss nur als solchen empfand, wenn die Zunge im Spiel ist. Ich stehe nicht sonderlich auf Zungenküsse und habe dennoch phantastische Zeiten. Das ist okay.

Illustration: © Nora Boiko

Einen Stinkefinger an Euphemismen wie „die Erdbeerwoche“!

In meiner ersten richtigen Beziehung nannten wir die Zeit, in der ich meine Tage hatte, immer nur „meine Nächte haben“. Es hatte sich als Insider eingebürgert und irgendwie schuf dies Verfremdung, und damit auch Distanz zwischen mich und dem Phänomen, dass einmal im Monat Blut aus meiner Vulva kullerte. Es wurde mir dadurch weniger unangenehm, darüber zu sprechen. Möglichst heimlich schmuggelten wir Mädchen Tampons aus dem Rucksack in die Schultoilette. Tampons, für die wir monatlich 19 Prozent Luxussteuer zahlten.  Wenn ich zu Hause blieb, weil ich Unterleibsschmerzen hatte, schrieb ich „Bauchschmerzen“ in mein Entschuldigungsheft, bis ich die Wahrheit, als feministischen Akt betrachtend, dann doch niederkritzelte.

Die Menstruation hat den Ruf von etwas Unreinem. Strömquist schreibt: „Manche glauben übrigens auch, dass das Wort ‚Tabu‘ von dem polynesischen Wort ‚Tupua‘ stammt, was nichts anderes bedeutet als Menstruation. Dass Menstruationsblut unrein ist, ist etwas, über das im Laufe der Geschichte sehr viele Kulturen High Five gemacht haben.“
Sie zeigt, dass es im dritten Buch Mose eine lange Passage gibt, die sich nur damit beschäftigt, wie unrein Menstruationsblut sei. Jede*r, die die menstruierende Frau berühre, würde unrein! Und alles, was die menstruierende Frau berührt, wird unrein!
Das mit dem schlechten Image war nicht immer so. Die Dokumentation When God was a Girl geht auf Spurensuche nach der Macht der Frauen, die in den Jahrhunderten irgendwann verloren ging. Sprach man Menstruation mal eine Art göttliche oder schöpferische Kraft zu? 

Egal. Das muss echt nicht sein, zu bluten ist eh keine Superkraft. Tabuisierung ist aber umso schädlicher. Vielleicht mache ich einen Gipsabdruck von meiner Vulva. Vielleicht lasse ich das auch sein, so richtig angenehm stelle ich mir das nicht vor. Stattdessen will ich jetzt mit den Ausrufezeichen in meinem Kopf tanzen und mit Edding in Biologiebüchern rumkrakeln. Machst du mit?


Anmerkung:  Keine Sorge, wir machen es uns nicht im intoleranten Denken des binären Geschlechtssystems gemütlich. Eine Frau* zu sein, ist nicht zwingend an die Existenz einer Vulva geknüpft. Frau sein ist kein Synonym dafür, eine Vulva zu haben. Unser Feminismus beschränkt sich demnach auch nicht auf Slogans wie „Viva la Vulva!“, dennoch ist die Sichtbarkeit der Vulva und die sexuelle Aufklärung ein Bestandteil feministischer Arbeit.

4 thoughts on “Meine Vulva lernt fliegen”

  1. Bei dem Punkt, dass es genaue Vortsellunge gibt, wie Sex „abläuft“, ist meiner Meinung nach auch die Rolle von Pornos nicht zu missachten. Diese suggerieren den „wahren Sex“ und manipulieren sogar noch die sexuellen Fantasien der Konsument*innen. Dies trifft vermutlich größtenteils auf Männer zu, wodurch ja letztenendes auch das Vorspiel von diesen oft missachtet wird.

  2. Das Verschweigen der Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung, die in vielen muslimischen und afrikanischen Ländern vorgenommen wird und durch die verstärkte Zuwanderung auch in Deutschland mehr als 13.000 Mädchen bedroht, fällt mir im Kontext der Männern „die sich ein bisschen zu sehr für die Vulva interessieren“ auf. Ein Hinweis auf die tatsächlich gewaltvollen und aktuellen Praktiken der patriarchalen Milieus sollte in einem solchen Artikel meiner Ansicht nach auftauchen.

    Außerdem war das Urteil des BVerfG nicht ursächlich für einen Rückgang der „Schönheits-OPs“. Es war schon lange davor möglich, bei der Geburt von einem Eintrag abzusehen und damit zu warten, sodass Intersexuellen die Möglichkeit oblag in der Pubertät zu entscheiden, welches Geschlecht angenommen werden soll. Das Urteil des BVerfG hat de facto an der konkreten Diskriminierung nichts geändert und die materiellen Rechtsfolgen völlig offengelassen. Also kein Grund zur Freude. Dem geneigten Leser möchte ich diesen Artikel dazu ans Herz legen: https://www.patreon.com/posts/willkur-und-21246350

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