Text & Fotos : Ioanna Grammatikos | Beitragsbild: © Nora Boiko

Warum wir jetzt eigentlich alle gerade im Danni sein sollten

Wald, wenn ich das höre, dann denke ich an Erholung. Natur, saubere Luft, Stille. Energie, intensive Farben, Blätterrauschen im Wind, Blätter unter den Füßen, es riecht nach Erde. Der Wald ist die Lunge unserer Erde, unsere Hoffnung im Kampf gegen die Klimakrise.

Woran ich nicht denke, ist Polizei, ist Zerstörung und hässliche Maschinen. Und schon gar nicht an Autobahnen.

Ich habe es versucht, ich schwöre. Aber ich kann das nicht zusammen denken. Ich weiß nicht, wie das geht – Wald und Autobahn.

Seit gestern werde ich gezwungen, es zu denken. Denn gestern war „Tag X“ im Dannenröder Wald – auch „Danni“ genannt – in Hessen.  

Aber vielleicht sollten wir vorne beginnen

Am Sonntag vor drei Wochen war ich das erste Mal im Danni. Zusammen mit ein paar Leuten von Fridays For Future sind wir zur sonntäglichen Kundgebung mit anschließendem Waldspaziergang in den Dannenröder Wald gefahren. Meine Gefühle sind an diesem Tag Achterbahn gefahren. Der Kontrast zwischen den zwei Extremen war mehr als eindrücklich: Auf der einen Seite die mutige, kreative, solidarische und starke Stimmung in den Camps und zwischen den Aktivisti, und auf der anderen Seite die unglaubliche Traurigkeit, dass solche Strukturen und Proteste überhaupt nötig sind – , und das auch noch im Jahr 2020. Es war wunderschön mit anzusehen, wie herzlich und offen die Menschen im Wald und im Camp miteinander umgehen. Die Küfa (Küche für alle) bereitet leckeres veganes Essen zu, im Kreativzelt werden Banner und Ähnliches gestaltet und auf der Waldbühne werden Lieder gesungen. Es wird gelacht und getanzt. Ich bin erstaunt über die Positivität der Menschen im Camp, angesichts des doch sehr ernüchternden Grundes für ihre Anwesenheit im Wald.

©Ioanna Grammatikos

Der Dannenröder Wald ist ein etwa 300 Jahre alter, gesunder und natürlicher Mischwald, in Deutschland einer der letzten dieser Art. Vor circa 50 Jahren, in den 1970er Jahren, wurde der Beschluss gefasst, dass mitten durch diesen Wald eine Autobahn gebaut werden soll, die A49. Einen Großteil der A49 bei Kassel gibt es schon. Das fehlende Stück soll Kassel und Gießen verbinden und Homburg an der Ohm verkehrstechnisch entlasten.
Nur – Überraschung – sind wir nicht mehr im Jahr 1970, und dieses Vorhaben ist nichts anderes mehr als absurd. Abgesehen davon, dass wir uns keinen einzigen gerodeten Baum mehr leisten können, wenn wir das mit der Bekämpfung der Klimakrise wirklich ernst meinen, ist der Beschluss auf aktueller Rechtsgrundlage gar nicht mehr zulässig.

Der Dannenröder Wald ist ein Flora-Fauna-Habitat und europäisches Wasserschutzgebiet. Das Grundwasser aus diesem Gebiet sorgt für Trinkwasser für circa eine halbe Million Menschen.

Wer sich eine Autobahnkarte von Deutschland anschaut, wird außerdem merken, dass diese A49 nun wirklich nicht nötig ist. Genau genommen ist sie sogar ziemlich überflüssig. Sie würde eine Zeitersparnis von ungefähr elf Minuten für Autofahrende bedeuten. Ob elf Minuten Zeitersparnis dieses Opfer rechtfertigen? Außerdem haben Studien ergeben, dass der Verkehr in und um Homburg eher zu- als abnehmen würde. So viel zur Entlastung.

Der BUND Hessen hat aus diesen Gründen 2019 gegen das Vorhaben geklagt – und Recht bekommen. Das Vorhaben ist nach heutigem Rechtsstand rechtswidrig. Aber der Grund war nicht triftig genug, um das Vorhaben zu stoppen. Ich frage mich, wie ein Grund aussehen müsste, um triftig genug zu sein. Diese Autobahn ist ein Todesurteil in vielerlei Hinsicht.

Als ich an der Waldführung teilnahm, wurde mir erklärt, was die Autobahn für die Bewohner:innen des Waldes bedeutet. Dadurch, dass die A49 einmal genau quer durch den Wald gehen soll, werden künstliche Waldgrenzen geschaffen. Für Tiere ist die Autobahn entweder eine unüberwindbare Barriere oder ihr Grab. Durch das sehr stark ausgebaute Autobahnnetz in Deutschland kommt es laut Förster:innen schon zu Inzucht-Problemen bei jenen Tierarten, die normalerweise lange Wanderungen unternehmen und diese aufgrund der Autobahnen nicht mehr vollziehen können. Auch wenn es Maßnahmen wie Grünbrücken für Tiere gibt, kann das Problem damit nicht vollständig beseitigt werden.

©Ioanna Grammatikos

Ich frage mich, ob irgendeine:r von den Entscheidungsträger:innen schon einmal einen Fuß in diesen Wald gesetzt hat. Wenn ja, dann frage ich mich ernsthaft, was in den Köpfen dieser Menschen vorgeht, um diese kognitive Dissonanz auszuhalten. Ach übrigens, die Partei Bündnis 90/Die Grünen ist Teil dieser Entscheidungsträger:innen, die den Vertrag unterschrieben haben. Für welches Grün stehen sie eigentlich nochmal? Für das Grün auf dem Mittelstreifen der Autobahn?

Sonntag vor einer Woche war ich ein zweites Mal im Danni. Die Eindrücke nach dem ersten Mal haben mich nicht losgelassen, ich wollte und musste den Protest weiter unterstützen, so gut ich konnte. Also habe ich vier Freund:innen überzeugt, mitzukommen, um ihnen diese Schönheit von Natur und Absurdität von Politik zu zeigen. Eigentlich hätte ich einfach dort bleiben müssen, alles liegen lassen und in ein Baumhaus oder ins Camp ziehen. Ich wünschte, ich hätte es getan. Jedenfalls habe ich an jenem Sonntag auch meinen Freund:innen den Wald gezeigt, und obwohl sie sich nicht aktiv für Umweltthemen einsetzen, waren sie alle fassungslos und konnten nicht glauben, was hier passieren soll.

Gestern Morgen kam die Nachricht, deren Eintreffen alle befürchtet haben: Gestern war Tag X im Danni. Das bedeutet, die Polizei rückt an, mit Hunderten, wenn nicht Tausenden von Einsatzkräften. Die Räumung beginnt, danach die Rodung. Die einzige Hoffnung ist, dass sie sehr lange brauchen werden, weil mutige und starke Aktivisti in den letzten Monaten vielfältige Strukturen und Barrieren aufgebaut haben. So stehen an vielen Stellen im Wald beispielsweise sogenannte „Tripods“, dreibeinige Türme aus Baumstämmen, auf denen oben ein Sitz ist und ähnliche Konstruktionen auf den Wegen. Wenn die Polizei eintrifft, werden diese Strukturen mit einzelnen Menschen besetzt und die Einsatzkräfte müssen zunächst Zeit darauf verwenden, die Konstruktion zu entfernen, ohne dabei das Menschenleben zu gefährden. Aber selbst 150 großartige Aktivisti haben auf lange Sicht keine Chance gegen 1000 bewaffnete Polizist:innen, die einen Auftrag von der Regierung erfüllen müssen. Es ist ein Spiel gegen die Zeit. Wie lange schaffen wir es, das Vorhaben zu blockieren, und reicht die Zeit, um den Beschluss über andere (juristische) Wege außer Kraft zu setzen? Wir müssen alles in unserer Machtstehende dafür tun. Die Polizei gehört nicht in diesen Wald. Keine:r von uns gehört normalerweise in diesen Wald. Und schon gar keine Autobahn.

©Ioanna Grammatikos

Ich bin nicht im Wald. Ich kann nicht in den Wald fahren. Ich weiß, dass das nicht jede:r kann. Aber wenn du es kannst, dann tu es. Es gibt momentan wenig Wichtigeres.


Aktiv werden

Und ansonsten: Informiere dich und deine Freund:innen und setz andere Hebel in Bewegung, um dieses absurde Vorhaben zu stoppen. Was immer gut ist: die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit erhöhen.


Hier kannst du alle relevanten Informationen nachlesen:
https://www.stopp-a49-verkehrswende-jetzt.de/aktionsbündnis/positionspapier/
https://waldstattasphalt.blackblogs.org
https://camp.wald-statt-asphalt.net/de/
https://a-49.de/?page_id=44

Desweiteren gibt es in den Sozialen-Medien zahlreiche Kanäle, die regelmäßig Updates aus dem Wald posten:
Instagram:
@keine_a49,
@wsa_buendnis
@fff.dannibleib

Twitter:
@DanniTicker
@keinea49

Auf Telegram gibt es einen Info-Channel (t.me/waldstattasphalt_camp).
Dort wird auch immer wieder gepostet, was für konkrete Unterstützung die Menschen im Wald brauchen.

Die Küfa (Küche für alle) freut sich zum Beispiel immer über materielle sowie personelle Unterstützung.
Folgende Petition (https://act.greenpeace.de/danni-bleibt) kannst du unterschreiben und wenn du weitere Ideen oder Ressourcen hast, kannst du immer an waldstattasphalt_camp@protonmail.com schreiben und fragen, wie du dich engagieren kannst.

Oder du organisierst vor Ort in deiner Stadt eine Mahnwache oder Protestaktion, um auch außerhalb des Waldes die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Der Danni braucht dich!

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