von Leonie Ziem | Illustration: Beatrice Girth

Willst du deinen Körper teilen? flüstert es.
Irgendwo in der Magengegend.
Nachdem die Eizelle sich das Spermium einverleibt hat.
Nein! schreit Shulamith Firestone 1970. Klar, japst Maria Mies etwa zwanzig Jahre später.

Ist die biologische Reproduktion unfair? Ist es gerecht, dass nur ein Geschlecht für die Reproduktion aller Geschlechter verantwortlich sein soll? Sind die Zeugung und die Schwangerschaft privat? Ist die biologische Reproduktion die Grundlage für frauenfeindliche, geschlechterspezifische Arbeitsteilung?
Das sind die Streitfragen, welche die beiden Feministinnen Shulamith Firestone und Maria Mies sehr unterschiedlich beantworten würden. Problematisch ist, dass beide Feministinnen „Frauen“ mit gebärfähigen Menschen gleichsetzen.

Firestone fordert in ihrem 1970 erschienenen Buch Dialectic of Sex, dass Technologien ab sofort den Job des Kinderkriegens erledigen sollen: Reproduktionstechnologien als Befreiung. Vielleicht werden dann alle Feminist*innen in Freudentränen ausbrechen, vielleicht ist aber auch einfach nur Dienstag.
Firestone erklärt, dass die Technologie einen Stand erreicht habe, der eine feministische Revolution erforderlich mache. Sie fordert die Ektogenese, also die Entkoppelung von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt aus der Intimbeziehung einer biparentalen, geschlechtlichen Vereinigung. Ihre Forderung stellt sie beachtlich früh. Im Jahr 1970 reicht die Debatte über Reproduktionstechnologien nicht über die biomedizinische Fachwelt hinaus. Zudem ist das erste IVF-Kind, Louise Brown, noch nicht geboren und die erste IVF-Klinik in den USA lässt noch zehn Jahre auf sich warten. IVF steht für In-Vitro-Fertilisation, also Befruchtung im Glas.

Für Firestone sind die biologischen Geschlechterunterschiede die naheliegendste Ursache für die bestehende Geschlechterhierarchie. Firestone will Zeugung, Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung als nicht-private Angelegenheit entlarven und in einen gesellschaftlichen Kontext stellen. Allein die Schwangerschaft bedeutet: Regelmäßige medizinische Überwachung. Verzicht auf jegliche Drogen. Ernährungseinschränkungen.  Erhöhtes Risiko für verschiedene Krankheiten – und führt derzeit zu Nachteilen im Arbeitsleben.

Es solle nicht länger nur ein Geschlecht für die Reproduktion aller Geschlechter verantwortlich sein. Die weibliche Körperlichkeit sei die letzte große Differenz zwischen „Mann“ und „Frau“, die eine uneingeschränkte Gleichheit unmöglich mache. Firestone deutet Schwangerschaft als barbarisch – emanzipatorisch sei die Überwindung der weiblichen Körperlichkeit.

Verstümmelung!
Verletzung der weiblichen körperlichen Integrität! würde Maria Mies rufen. Vielleicht würden sie und Firestone aber auch nur gemeinsam einen Kaffee trinken gehen oder sich in eine Podiumsdiskussion setzen. Es würden Hände geschüttelt werden  und schließlich würde Mies so etwas sagen wie: „Es sollten nicht die biologischen Geschlechterunterschiede, sondern die männlichen Privilegien abgeschafft werden.“

Mies legt Wert darauf, die Natur der „Frau“ zu betonen und aufzuwerten. Mies lässt sich dabei einer gynozentrischen Position zuordnen, die Emanzipation in der Betonung der weiblichen Körperlichkeit sieht. Sie beobachtet, dass die „Frau“ nicht nur gegen „Männer“ und ihre Zuschreibungen kämpfen müsse, sondern auch gegen den eigenen Körper. Die Arbeit des Gebärens solle dabei genauso produktiv wahrgenommen werden wie die „männliche Lohnarbeit“. Die Technologie bleibe auch dann Herrschaftsinstrument, wenn sie in den Händen von „Frauen“ läge. Denn diese könnten die Technologie – insbesondere im Patriarchat und Kapitalismus – auch gegen „Frauen“ anwenden. Das gelte auch für die technokratische Illusion, der manche Feministinnen* in der Nachfolge Shulamith Firestones anhängen. Denn das Ziel solcher Technologien sei die Kontrolle der Gebärfähigkeit aller „Frauen“. Mies vertritt die Überzeugung, dass technologische Innovationen immanent als Mittel zur Selbstbestimmung untauglich seien, da „der Krieg gegen die Natur und die Frauen die gleichen Wurzeln hat“.

„Du kannst nicht aus politischen Gründen schwanger werden, sondern nur aus biologischen“, würde irgendwer im Publikum der Podiumsdiskussion unpassender Weise sagen und niemand würde klatschen, weil keine*r was damit anfangen könnte. Der Himmel wäre dunkelblau. Draußen.

„Zurück zum Thema“, würde der männliche Moderator sagen, der denkt, er könne mitquatschen.

„Ich hätte da noch eine Publikumsfrage!“ würde ich rufen, dabei aufspringen und die Flasche Limonade der Frau* neben mir aus Versehen umstoßen. Dann würde ich meine Fragezeit ausnutzen, um selbst ein paar Aussagen zu machen.
Firestones Abwertung und Mies‘ Aufwertung der Gebärfähigkeit veranlassen mich zu der feministischen Kritik, dass beide androzentrische Weltbilder reproduzieren: Während Firestone sich von der weiblichen Körperlichkeit befreien will, sieht sie damit automatisch einen Entwurf vor, der den weiblichen Körper den männlichen nachahmen lässt. Der weibliche Körper wird dagegen als defizitär angesehen und verstümmelt. Anstatt Kritik an der Norm des männlichen (weißen!) Körpers und der häufigen Gleichsetzung von Mann* und Mensch zu üben, bleibt das Ideal des männlichen Körpers unangetastet. Im Gegenteil: Bei Firestone wird der männliche Körper zum Ideal.

Mies‘ ökofeministische und gynozentrische Position dagegen betont die naturgegebenen Unterschiede. Diese Position birgt damit die Gefahr, dass Zeugung, Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung durch Aufwertung als das „Natürliche“ und „Richtige“ die Reproduktionsarbeit romantisiert. Somit wird ein Nährboden für ausbeuterische Verhältnisse erschaffen. Die traditionelle Rollenverteilung gewinnt damit an „natürlicher“ Legitimation. Die gesellschaftliche Norm, die Frauen* in der Rolle der Gebärerin* und Erzieherin* sieht, wird dadurch unterstützt. Frauen*, die sich gegen ein Kind entscheiden, werden als Konsequenz gleichsam so gewertet, als würden sie der Natur zuwiderlaufen.

„Wo bleibt Ihre Frage?“ würde der ungeduldige Moderator fragen und ich würde mich betreten setzen.

Was ich nicht mehr hätte sagen können:
Ich schlage vor, Reproduktionstechnologien zu nutzen. Jedoch nicht im Sinne Firestones, denn die Überwindung des weiblichen Körpers kann tatsächlich als Verstümmelung bezeichnet werden.  Jedes Geschlecht sollte die Möglichkeit haben, sich zu reproduzieren – und nicht nur heterosexuelle cis-Paare ohne Fruchtbarkeitsprobleme. Dies kann jedoch nicht losgelöst von gesellschaftlicher Veränderung geschehen, sondern kann in einer patriarchalen Gesellschaft sogar zu Missbrauch führen und das gewünschte Ziel verfehlen. Das IVF-Verfahren ist heute nämlich ganz und gar nicht inklusiv, sondern heterosexuell angelegt.

© Bruno Willen
So ist das IVF-Verfahren heute: Banane.

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