von Laura Gerloff | Illustrationen: © Johannes Schröder

Es ist Freitagnachmittag. Durch die Straßen von Genua strömen Menschen nach Hause, zum Hafen, in die Geschäfte oder zum Bahnhof. Meine Freundin und ich strömen mit. So lange, bis wir auf den Stufen vor dem Rathaus eine kleine Ansammlung von Menschen mit Pappschildern sitzen sehen. Bevor ich sie lese, erinnere ich mich daran, dass heute Freitag ist. Diese 20 Menschen sind Fridays for Future Genua.

Ich muss ein wenig schmunzeln, als ich mir das nochmal verdeutliche: Diese 20 Menschen sind die Repräsentant*innen einer weltweiten Bewegung gegen die Klimakrise. Eine Bewegung, die es noch vor wenigen Wochen geschafft hat, zu einem globalen Streik aufzurufen, bei dem in Italien knapp eine Million und in Deutschland mehrere hunderttausend Menschen auf die Straßen gingen. Die Reaktionen aus der Politik kamen sofort: Totale Ignoranz der Forderungen, eine Infantilisierung der Bewegung, allen voran Greta Thunbergs, und ein klarer Kampf – zur Aufrechterhaltung der aktuellen Verhältnisse.

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Aber das interessiert mich im Moment nicht. Mein Fokus liegt nicht auf denen, die nicht demonstrieren und nicht handeln. Ich möchte über jene schreiben, die sich als Teil der FFF-Bewegung verstehen. Ich möchte mich an die Menschen wenden, die sich mit dem Klimaaktivismus politisieren, denn es gab nie einen besseren Zeitpunkt, um Fragen zu stellen und Alternativen vorzuschlagen. Doch davor möchte ich klarstellen: Dies ist kein Greta-Thunberg-Verriss à la „kleines, verwöhntes, dummes Kind“ oder „Dämonische Kolonialerbin“.

Es soll auch keine Kritik an jenen sein, die Woche für Woche auf die Straße gehen und sich heiser schreien, sich politisch engagieren und klare Klimaziele formuliert haben. Dafür habe ich den größten Respekt. Dieser Text möchte zur Reflexion anregen, um Klimaaktivismus zu stärken und mögliche Lücken aufzuzeigen. Es ist eine Aufforderung, die Bewegung in ihren Einzelteilen zu reflektieren. Eigentlich sind es mehr Fragen als Aussagen.

Hüpfen für’s Klima?

Ich glaube, dass der Klimaaktivismus radikaler werden muss.

Bisher beschränken sich die Forderungen auf Ziele, denen nahezu jede Person und jede politische Partei zustimmen kann, die die menschengemachte Klimakrise nicht leugnet. Das spiegelt sich auch in den Forderungen auf den Plakaten der Teilnehmenden wider: „Kurzstreckenflüge nur für Insekten“, „Sag nein zu Plastiktüten“ oder „Go Vegan!“. Diese Forderungen vereinfachen das Problem. Ja, es ist essenziell, mit dem eigenen Konsumverhalten einen Standpunkt einzunehmen, wenn man sich für Nachhaltigkeit einsetzen will – aber: Die Abwälzung der Verantwortung auf Konsument*innen spaltet uns als Gesellschaft und öffnet die Schere zwischen arm und reich.

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Ich möchte von Turin nach Hamburg reisen, um meine Familie zu sehen. Ein Flug mit allen Nebenkosten – inklusive CO2 „Kompensation“ und Flughafentransfer – kostet bei kurzfristiger Buchung für Hin- und Rückflug knapp 70€ und beansprucht rund drei Stunden Zeit. Ich schaue natürlich nochmal auf die Preise der Bahn – nur um herauszufinden, dass die Fahrplanänderungen der Bahnen in Europa in verschiedenen Monaten passieren, wodurch ich also erst im Dezember für Dezember buchen kann. Dann werde ich erst mal sauer. Nachdem ich mich abrege und alles durchrechne, komme ich auf eine Mindestreisedauer von 15 Stunden und einen Mindestpreis von 150€. Ich entscheide mich für einen Kompromiss aus Fernbus und Bahn, weil ich das Privileg habe, finanzielle Unterstützung zu erhalten, jung und gesund zu sein und vielleicht auch, weil ich eine Macke habe. Aber an dem Beispiel wird auch klar, dass das Argument, „Man muss Prioritäten setzen“ nicht zieht, denn sobald eines der Privilegien, insbesondere das des Geldes, wegfällt, ist die Lage alternativlos: Fliegen oder zu Hause bleiben.

Um es zusammenzufassen: Forderungen, die sich nur auf das Individuum beziehen, ignorieren vollkommen, dass wir alle in einem System stecken, das es uns nur durch Privilegien erlaubt, eine Entscheidung zu treffen, mit der wir und unser Gewissen leben können. Das Ziel einer Bewegung wie Fridays for Future sollte also sein, ein Gleichgewicht zwischen menschlichen Bedürfnissen und der Umwelt herzustellen.

Eine Bewegung, die stehenbleibt?

Fridays for Future (FFF) versteht sich als Bewegung. Da sie sich als solche bezeichnet, setzt ihr Fortbestehen voraus, dass sie sich und andere bewegt – im wahrsten Sinne des Wortes. Doch in welche Richtung soll sich bewegt werden? Wenn es ein Gesellschafts- oder Wirtschaftsmodell gibt, das für FFF erstrebenswert ist, dann wäre es dringend an der Zeit, dieses zu benennen. Gibt es dies nicht, ist es zu definieren.

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Hier tun sich zwei Probleme auf: Zum einen hat FFF keine klar definierte Struktur. Als globale Bewegung ist das natürlich im Allgemeinen eher schwierig, aber wir leben im 21. Jahrhundert, wodurch geographische Distanz kaum noch ein Problem darstellt. Zum anderen zieht FFF immense Kraft aus dieser vermeintlich „universal-ideologischen, unpolitischen und von jeder politischen Haltung unabhängigen“ Ausrichtung. Anders gesagt: Wenn radikale Forderungen gestellt werden, wird die Anzahl derer, die sich mit der Bewegung identifizieren können und wollen, deutlich geringer.

Das Doughnut Modell der britischen Ökonomin Kate Raworth

Das Thema ist jedoch nicht unpolitisch und es kann auch nicht ohne Berücksichtigung der Wirtschaft als Ganzes behandelt werden. Nun kann man sagen, dass es ja durchaus konkrete Forderungen an die Marktwirtschaft gibt, an die Kohlekonzerne aus den berühmten Sprechchören. Doch wie wir sehen, funktioniert der demokratische Druck auf große Konzerne nur bedingt und mit größtmöglicher Mobilisierung. Das heißt nicht, dass es nicht funktioniert – es ist nur schlichtweg selten, mühsam und im Endeffekt David gegen Goliath. Daher meine Ansicht: Es müssen konkrete Maßnahmen gefordert werden, ein Gegenmodell muss her.

Raworth ist Ökonomin und lehrt in Oxford. Sie hat ein ökonomisches Modell entwickelt, das die simple Form eines Doughnuts hat, jedoch in seiner Einfachheit die komplexe Aufgabe der Wirtschaft genau definiert: Wirtschaft ist entstanden, um die Gesellschaft zu organisieren, oder auch, um mit ihr zu „wirtschaften“.

Das Doughnut-Model von Kate Ramsworth

Da es durchaus auch andere Grundlagen unserer Gesellschaft gibt, würde ich hier präzisieren: Wirtschaft ist entstanden, um die Bedürfnisse der Gesellschaft zu organisieren, oder auch mit ihnen zu wirtschaften.

Doch diese Definition von Wirtschaft hat sich nicht durchgesetzt, sondern an ihrer Stelle jene, die den Menschen das Recht zugesteht, sich mithilfe der Wirtschaft zu bereichern. Wir leben in einer Zeit, in der die Knappheit und fortschreitende Verknappung lebenswichtiger Ressourcen, wie Wasser, Holz oder auch Luft immer größere Ungleichheiten hervorruft. In Zeiten also, in denen alle menschlichen Grundbedürfnissen Teil eines kapitalistischen Handels- und Wirtschaftssystems sind. Hier müssen wir einen Schritt zurücktreten: Habe ich mich nicht eben noch für eine Wirtschaft der Bedürfnisse ausgesprochen? Ein Wirtschaften mit der Basis menschlichen Lebens ist nur dann sinnvoll, wenn dieses Wirtschaften am Leben orientiert ist. Aber regelt das die Marktwirtschaft nicht alleine? Tut nicht jede*r von uns ganz beiläufig etwas Gutes für die Gesellschaft und gleicht damit die Ungleichheiten aus?

Risiken und ihre (Un-)Universalität

Eine weitere Kuriosität ist die These, dass der Klimawandel für uns alle gleich schlimm sei. Ulrich Beck arbeitet als Professor für Soziologie an verschiedenen Universitäten und Hochschulen in ganz Europa. In seinem Modell der Risikogesellschaft beschreibt der Soziologe ein Phänomen, das wir auch heute beobachten können: Grenzüberschreitende Bedrohungen, wie zum Beispiel Wetterkatastrophen, die zwar jede Region unterschiedlich, aber uns alle irgendwann ereilen werden. In Kapstadt geht das Wasser aus, während Venedig untergeht. Beck sieht eine Gesellschaft, die angesichts der universalen Bedrohungen als Weltgesellschaft zusammenrücken muss, um aus der Krise zu kommen.

Wir beobachten heute jedoch genau das Gegenteil: Durch den globalisierten Kapitalismus hat es die „westliche Welt“ geschafft, sich die besten Lebensbedingungen zu erkaufen. Das wird sichtbar an unseren halbwegs sauberen Stränden durch den Plastikexport nach Südostasien oder durch reiche, meist weiße Südafrikaner*innen, die sich angesichts der Wasserknappheit in ihrem Garten private Brunnen buddeln lassen. Die Klimakrise ist ein universelles Problem. Aber sie wird für uns „hier oben“ erst viel später und auch viel weniger ein lebensbedrohlicher Zustand sein. Daher müssen wir darauf beharren, unsere Kritik so oft zu hinterfragen, bis sie eine tatsächliche Alternative zur aktuellen Politik darstellt.

© Johannes Schröder

Was sieht das Doughnut-Modell als Lösung dieses Debakels vor? Gibt es einen X-Punkte-Plan, einen Ratgeber à la „How to create an equal world“, oder schlichtweg ein politisch hochgelobtes allumfassendes Strategiepapier, in dem Kate Raworth erklärt, wie die Klimakrise zu lösen ist? Nein. Das Doughnut Modell möchte uns in erster Linie zeigen, welche Faktoren beachtet werden müssen, um eine neue Form der Organisation, eine neue Form der Wirtschaft zu kreieren.

Wer ist dieses „Wir“ eigentlich?

Ein Teil der Kritik mit der sich FFF und auch Greta Thunberg als Person aktuell konfrontiert sehen, kommt von links. Das ist nicht allzu überraschend, wenn man sich ansieht, worin die Kritik liegt: Hinter dem Vorwurf, es handle sich um „White-Days for Future“ also eine Bewegung, die nur der weißen und privilegierten Bevölkerung der westlichen Welt vorbehalten sei, versammeln sich die kritischen Stimmen. Sie fordern eine intersektionale Herangehensweise an das Thema. Dies umfasst damit die Solidarisierung mit denjenigen, die jetzt schon die negativen Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommen.

In Turin berichteten am 20.10.2019 drei Aktivist*innen der indigenen Bevölkerung Brasiliens von ihren Erfahrungen. Die FFF-Gruppe vor Ort hörte zu, sorgte für Übersetzungen und ermöglichte, durch abschließende Fragen in einen Austausch treten zu können. Die Fragen zeigten deutlich, dass wir uns trotz der Globalisierung viel zu wenig mit anderen Teilen der Welt vernetzen, weil viele nicht einmal wussten, weshalb eigentlich die Bäume abgeholzt werden, weshalb indigenes Blut fließt. Auf der anderen Seite haben sie mir aber auch Hoffnung darauf gegeben, dass wir es eines Tages schaffen könnten, durch tatsächliches Zuhören zu einer solidarischen Weltgemeinschaft zu gelangen. Ein Ansatz.

© Johannes Schröder

Ein Doughnut ist kein Kreis mehr, wenn ein kleiner Teil ganz oben, also über dem Maximum menschlicher Bedürfnisse sein möchte und währenddessen der große Rest in sich zusammenfällt. Mit anderen Worten: Wir werden es kaum schaffen, ein System zu kreieren, in dem jede Person so lebt, wie die meisten Menschen in Deutschland. Dafür bestehen einfach nicht die ökologischen Ressourcen. Wir müssen uns von unserem konsumorientierten Lebensstandard verabschieden, wenn wir wirklich im Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur leben wollen.

Konsumorientierter Lebensstandard meint nicht, sich eine heiße Dusche erlauben zu können, oder Urlaub zu machen. Was damit gemeint ist, ist die Messung des Wohlbefindens am Konsum. Das BIP eines Landes steht nicht mit dem Glück der Menschen in Verbindung – warum ist uns Wirtschaftswachstum also so wichtig? Sicher, für den Fortschritt. Aber wieso muss Fortschritt an Konsum gemessen werden? Wäre es nicht fortschrittlicher, einen Schritt in Richtung Gemeinwohl zu gehen? Und nein, das klingt nicht so gut, wie wenn Alexander Dobrindt „Flugtaxi“ fünf Mal in einem Satz verwendet. Ich finde aber, eine Wirtschaft, die sich an Menschen, menschlichem Zusammenleben und der Natur orientiert, klingt auch ganz gut.

Schwarmintelligenz

Die dringlichste Frage unserer heutigen Zeit ist, wie wir alle es schaffen zu überleben. Und ja, das fängt damit an, dass wir Europäer*innen keine Produkte aus den Gebieten konsumieren, die der indigenen Bevölkerung in Brasilien oder in Indonesien geraubt wurden – weil wir am Ende durch die Feuer im Amazonas ersticken werden. Es geht aber damit weiter, dass wir hinterfragen, wer für unsere vermeintlich perfekten Elektroautos leidet – nämlich kongolesische Kinder in Kobaltminen. Und letzten Endes läuft es darauf hinaus, welche Wirtschaft wir wollen, wie wir uns organisieren, wie wir leben wollen.

© Johannes Schröder

Und dann sind wir plötzlich wieder hier, in Genua im Menschenstrom. Wir folgen den anderen Demonstrant*innen, aber das reicht noch nicht. Denn wenn wir die Perspektive wechseln und mit ein bisschen Abstand auf den Strom schauen, dann merken wir, dass das Strömen eine Entscheidung ist.

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