Text von: Katharina Hilbich | Illustrationen: © Nora Boiko

Wenn ich an das „gute alte Grillen“ denke, fällt mir sofort mein Papa ein, der sich mit einem Bier in der Hand um Bratwürste und Nackensteaks kümmert und meine Mama in der Küche mit einem Glas Weißwein, wie sie Salate und Ofenkartoffeln vorbereitet.
Bei einem Blick auf Statistiken zum Fleischkonsum in Deutschland nach Geschlecht, stellt man schnell fest, dass Frauen insgesamt weniger Fleisch essen als Männer (bei einer Umfrage von Splendid Research im Juni 2020 mit 1.464 Vegetarier*Innen/Flexitarier*Innen lag die Aufteilung zwischen weiblichen und männlichen VegetarierInnen bei 80:20)[1].
Da könnte jetzt schon wieder das dicke, nach Dichotomie stinkende Geschlechterrollenbuch rausgeholt und mit dem Blättern begonnen werden: „Männer sind stärker als Frauen, die brauchen die Proteine und es ist halt auch einfach männlich, ein ordentlich großes, am besten noch blutiges Stück Fleisch zu essen. Außerdem haben das unsere Vorfahren auch so gemacht, damals, als der Mann noch jagen gegangen ist. Das Ganze liegt quasi in der Natur des Menschen und des Mannes.“
Felipe Schürch, ein Offenburger Pastor und Blogger hat 2019 sein erstes Buch „Echte Männer essen Fleisch“ veröffentlicht. In der Beschreibung dazu steht:

„Wenn es um den Glauben geht, können Männer oft wenig damit anfangen. Wir Männer sind getrieben von allem, was wir selber schaffen können. Den Glauben bewahren wir für die Rente auf. Doch was ist, wenn Glaube männlicher ist als gedacht und alles, was Gott in unserem Leben wirken möchte, so gut schmeckt wie das beste Fleisch?“

© Nora Boiko

Männer an den Glauben heranführen? Fleisch-Metapher rausholen! Fleischkonsum ist in den meisten Kontexten männlich aufgeladen. Da ist auch Edekas Werbespot #HerrenDesFeuers von 2017 ein Paradebeispiel, in dem sich der Mann aus der Sklaverei der Foodtrend-Obsession befreit[2]. Anstelle des Barbie-Q mit Lampions, Dips und Hugo „steht [am Ende] einzig, was von Natur gegeben man als Mann nur will. Nur ich, mein Fleisch und die Flamme in meinem Grill“. Und wenn wir mit Edeka schon mal beim Thema Supermarkt sind, muss man sich in der Fleischabteilung nicht lange umschauen, bis man Meicas „Curryking“ und Dörfflers „Stramme Jungs“, „Große Bengels“ oder „Lange Kerls“ findet.
So viel zu den Fleischmännern – und wie ist das mit den Gemüsefrauen? 2018 haben bei einer Umfrage des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft mit 1.000 Befragten ab 14 Jahren 39% der Männer angegeben, täglich Fleisch zu konsumieren – bei den Frauen waren es mit 18% nur knapp die Hälfte[3]. Oft wird, wie auch in der Werbung von Edeka, auf die evolutionäre Entwicklung des Menschen verwiesen: Männer, die #HerrenDesFeuers, waren für das Jagen von Tieren zuständig, während Frauen Beeren und Wurzeln gesammelt haben. Diese geschlechtsspezifische Aufteilung in Jagen und Sammeln ist heutzutage jedoch umstritten: es gibt dafür keinerlei archäologische Beweise. Ethnolog*Innen haben ganz im Gegenteil festgestellt, dass bei den noch existierenden „Jägern und Sammlern“ sowohl Männer als auch Frauen auf die Jagd gehen[4]. Tschüss Steinzeitklischee!

© Nora Boiko

Auch die weit verbreitete Annahme, dass Frauen sich gesünder ernähren und weniger essen als Männer, wird selten hinterfragt. Statistisch gesehen mag dies zwar tatsächlich zutreffen, die wahren Gründe dafür sind jedoch vielfältig. Hintergrund der angeblich natürlichen weiblichen Gemüseaffinität ist hier *surprise* nämlich nicht unbedingt die menschliche Biologie, sondern vielmehr naiver Biologismus, also die Übertragung von biologischen Maßstäben auf nicht (primär) biologische Verhältnisse. Dass hier gesellschaftlicher Druck, Normen, Erwartungen und fragwürdige Ideale bezüglich Schönheit, Schlankheit und Attraktivität eine große Rolle spielen, bleibt oft außen vor – vielmehr wird es der Frau als natürliche Eigenschaft zugeschrieben, ihren Körper und ihr Gewicht kritisch zu betrachten und zu überprüfen, um „gut auszusehen“. Statistiken zum Thema Essstörungen nach Geschlecht spiegeln diese vermeintliche Selbstkontrolle des eigenen Körpers von Frauen erschreckend wider (z.B. von OWID aus dem Jahr 2019: laut der weltweiten Umfrage leiden doppelt so viele Frauen wie Männer unter Essstörungen)[5]. Vor allem über die Medien wird der soziale Druck oft verstärkt – Stichwort Castingshows auf der einen und Abnehmcamps auf der anderen Seite.

Wenn man mal ein bisschen drüber nachdenkt, scheint es so, als sei neben dem Geschlecht auch der Fleischkonsum eine soziale Konstruktion. Wer, wann, warum wie viel von welchem Fleisch konsumiert, wird durch Geschlechterrollen festgelegt oder zumindest gerechtfertigt. Rollenklischees, gesellschaftliche Erwartungen und Kulturgeschichte prägen unser Essverhalten und unsere vermeintlichen Vorlieben. Angelehnt an Simone de Beauvoirs berühmtes Zitat „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ wird auch Mann nicht als Fleischmann oder Frau als Gemüsefrau geboren – sondern dazu gemacht.


[1] Splendid Research (2020): Frauenanteil unter Vegetariern und Flexitariern in Deutschland im Jahr 2020. Im Internet unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1155798/umfrage/frauenanteil-vegetarier-flexitarier-deutschland/, Recherche am 23.09.2020.

[2] #HerrenDesFeuers – EDEKA Werbung (2017). Im Internet unter: https://www.youtube.com/watch?v=noEKku7eJOk, Recherche am 03.10.2020.

[3] BMEL (2020): Anteil von Männern und Frauen in Deutschland, die täglich Fleisch oder Wurstwaren konsumieren in den Jahren 2018 bis 2019/2020*. Im Internet unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/12254/umfrage/verzehrhaeufigkeit-von-fleisch-oder-wurst-in-deutschland-2008/, Recherche am 23.09.2020.

[4] Wolf, Jörg (2014): Männer und Fleisch – eine Spurensuche. Im Internet unter: https://www.swr.de/odysso/maenner-und-fleisch-eine-spurensuche/-/id=1046894/did=12881748/nid=1046894/1e09onm/index.html, Recherche am 23.09.2020.

[5] OWID (2019): Anteil der Weltbevölkerung mit Essstörungen nach Geschlecht bis 2017. Im Internet unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1078973/umfrage/anteil-der-weltbevoelkerung-mit-essstoerungen-nach-geschlecht/, Recherche am 23.09.2020.

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