von Leonie Ziem | Foto: ©Nour Alabras

Komm, ich koche dir heute eine Portion Gemeinwohlökonomie

Eigentlich müssten mittlerweile alle auf die Barrikaden steigen.
Kopfschüttelnd müssten Postangestellte, Bäcker*innen, Verkäufer*innen und was noch alles so ein *innen am Ende tragen könnte, ihren Kopf in die Hände werfen und die Straßen rauf und runter kullern.
„Das macht doch so keinen Sinn!“ müssten sie rufen und dann würde ein Besserwisser daneben stehen, der schnell  korrigiert: „Ergibt! Das ergibt doch so keinen Sinn!“ und alle würden die Augen verdrehen.  An ihren Händen würden Plakate kleben und Zeitungen würden über alternative Wirtschaftsformen anstatt über Niqabverbote oder Afd zu titeln.
Sie alle wären sich einig: In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wachstum geben! Wir leben auf Kosten von Anderen und der Zukunft, dieser beängstigenden Zeitform!
Und ja – es wäre Kapitalismuskritik.

Reib dir nochmal durch die Augen. Und dann lies weiter. Illustration: ©Nina Urban

Ich skizziere dir mal eben eine bessere Welt

Dies ist eine konstruktive Kritik. Wenn es darum geht, die derzeitige Wirtschaftsordnung zu kritisieren, rutscht man schnell in eine Box, bekommt das Etikett „Kommunist*in“,  ist ein/e Linke*r oder sowieso gegen alles.
Dabei ist es recht simpel und es kann einen wundern, warum es einer Argumentation bedarf.
Um herauszufinden, wie man richtig wirtschaftet, muss man sich zunächst die Frage stellen, warum wir wirtschaften. Des Geldes wegen? Kapitalanhäufung?
Würde man einer Horde Wirtschaftsstudierenden diese Frage stellen, käme sicherlich etwas Ähnliches heraus. Das ist aber Blödsinn. Mit Soße. Du hast da Dollarscheine in den Augen.
Geld ist lediglich Mittel und nicht Zweck.

Warum wirtschaften wir?

Wirtschaft ist keine moderne Erfindung, es gibt sie schon in der Wildbeutergesellschaft, in der nachhaltig gewirtschaftet wurde, da nur für den Eigenbedarf produziert wurde. Langsam wurden Jäger*innen und Sammler*innen jedoch sesshaft und es entwickelte sich die Arbeitsteilung, d.h. es produzierten nicht mehr alle alles, sondern bestimmte Dinge im Überfluss, sodass man die Produkte tauschen konnte – die Tauschgesellschaft war geschaffen. Zu der Naturalwirtschaft, dem direktem Tausch, entwickelte sich die Geldwirtschaft, der indirekte Tausch. Im Laufe der Jahrhunderte und mit zunehmender Mobilität dehnen sich Wirtschaftsbeziehungen immer weiter aus. Aus Volkswirtschaft entsteht Weltwirtschaft. Grundgedanke des Wirtschaftens ist die Annahme, dass der Homo Oeconomicus stets dem ökonomischen Prinzip folgt. Dieses Prinzip stellt die Kosten und den Nutzen in ein Verhältnis: Das Maximalprinzip sagt aus, dass mit einem bestimmten Einsatz ein möglichst hohes Ergebnis erzielt werden soll; das Minimalprinzip, dass ein bestimmtes Ergebnis mit möglichst wenig Einsatz erreicht werden soll.  Zudem gibt es vielerorts einen Grundkonsens: Wirtschaftswachstum ist von Vorteil, weil man annimmt, dass der Lebensstandard steigt. Es heißt, Probleme wie Massenarbeitslosigkeit, Alterssicherung und sozialer Ausgleich ließen sich leichter bewältigen.

Wir wirtschaften also nicht des Geldes wegen, sondern um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Gleichzeitig stellt sich damit eine soziale Frage, die Verantwortung.
In der bayrischen Landesverfassung steht beispielsweise: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten.“

Der vorgetäuschte Wohlfahrtsgewinn

Doch woran messen wir Wachstum? Unsere Zauberformel ist DAS Bruttoinlandsprodukt, unser Maß für die wirtschaftliche Leistung. Es ist jedoch ein rein monetärer Indikator. Wenn beispielsweise eine Umweltkatastrophe Häuser und Leben zerstört, wächst das BIP:  Neue Häuser werden gebaut und mehr Notsanitäter*innen, Ärzt*innen, Bestatter*innen müssen arbeiten. Irreparable Umweltschäden durch Katastrophen oder durch das Tagesgeschäft mancher Firmen, sowie steigende Kriminalität werden vom BIP nicht berücksichtigt, im Gegenteil, es rechnet alle Transaktionen –  wie beispielsweise die Ausgaben für steigende Polizeieinsätze –  unreflektiert zusammen und schnürt sie zu einer hübschen Zahl.
Hinzu kommt, dass das BIP pro Kopf, das Durchschnittseinkommen einer Bevölkerung, wohl kaum etwas über die Verteilungsgerechtigkeit aussagt. Das Bruttoinlandsprodukt kennt weder Gleichheit, noch Ungleichheit. Es kennt also nur das Geld und vergisst dabei, dass dies nicht der Zweck des Wirtschaftens ist, sondern nur das Mittel.  Erich Fromm schreibt in seinem Klassiker Haben oder Sein:
„Die Entwicklung des Wirtschaftssystems [wird] nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems?

Foto: ©Bruno Willen

Ebenfalls wird ein Unternehmen allein an seinem Finanzprofit gemessen, lediglich dadurch gewinnt es an Legitimation  – und wenn Nestlé Trinkwasserquellen in Ländern des globalen Südens aufkauft und damit die lokale Bevölkerung von sauberem Trinkwasser abschneidet, ist das irgendwie schon okay.

„Lasst uns mit eurer Ethik in Ruhe!“

Es scheint, als sei der Wirtschaftsraum einer, bei dem alle, die mit Ethik ankommen, pathetische Spinner*innen sind. Der Markt ist doch frei und wir alle ein Homo Oeconomicus! Angebot und Nachfrage – so lautet das Gesetz.  Es ist jedoch nicht die Nachfrage aller Menschen, die das Angebot bestimmt, sondern lediglich der Menschen, die auch zahlen können. Und zuerst und zuletzt und immer wieder: In einer endlichen Welt gibt es schlicht kein unendliches Wachstum – zumindest kein quantitatives.

Das qualitative Wachstum

Die Gemeinwohlökonomie benutzt nicht den Ausdruck des „qualitativen Wachstums“, aber am Ende geht es genau darum. Wer in der Gemeinwohlökonomie erfolgreich sein will, muss sich eben auch an ökologische und soziale Standards halten, zumal das derzeitige Wirtschaftssystem genau das Gegenteil tut: diejenigen, die am skrupellosesten, billigsten und profitorientiertesten produzieren, werden vom derzeitigen Wirtschaftssystem belohnt. Gleichzeitig haben es ethisch vernünftige und nachhaltige Unternehmen viel schwerer auf dem Markt.
Wer also erfolgreich sein will, muss sich möglichst rücksichtslos verhalten?

Die Gemeinwohlökonomie will keinen Kommunismus, keine totale Gleichheit . Die Ungleichheit soll jedoch angemessen begrenzt werden  und dafür muss der rechtliche Anreizrahmen für wirtschaftliches Handeln verändert werden. Der wirtschaftliche Erfolg sollte nicht mehr vom Profit oder vom Kapital bestimmt, sondern an der Lebensqualität bzw. dem Gemeinwohl gemessen werden. Das Mittel um Wirtschaftsleistung zu messen – momentan das  BIP – wird zum Gemeinwohl-Produkt, die Finanzbilanz eines Unternehmens zur Gemeinwohl-Bilanz und je besser diese ausfällt, desto größer das Gemeinwohl-Produkt.
Den Unternehmen mit guter Gemeinwohl-Bilanz werden daraufhin rechtliche Vorteile eingeräumt, beispielweise niedrigere Steuern, günstigere Kredite oder Vorrang beim öffentlichen Einkauf.

Roulette der Moral

Soziale und ökologische Faktoren werden oft gegeneinander ausgespielt, – das ist ziemlich kontraproduktiv. Die Gemeinwohl-Bilanz stellt den Versuch dar, alle Faktoren aufzugreifen.  Beispielweise könnten in demokratischen Diskursen die Einkommensungleichheiten begrenzt werden – das könnte das Maximal-Einkommen auf z.B. das Zehn- oder Fünfzehnfache des gesetzlichen Mindestlohns festlegen.  Das Maximal-Einkommen darf dann gerne auch immer weiter steigen, der gesetzliche Mindestlohn muss das dann nur auch. Aber nebenbei gesagt: Forscher*innen der Purdue University sind der Frage auf der Grund gegangen, inwieweit mehr Geld zu mehr Lebenszufriedenheit führt . Diese kommen zu  dem Schluss, dass es einen sogenannten Sättigungspunkt gibt, ab dem steigendes Einkommen die Lebenszufriedenheit nicht mehr steigern kann.

Gleichzeitig greift die Gemeinwohl-Bilanz auch ökologische Faktoren auf. Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen Geld scheffelt, während es mit seinen Produkten gleichzeitig bleibende Schäden an der Umwelt verursacht und mit seinen Plastikabfällen beispielsweise das Meer verschmutzt.

Ich bin, also konsumiere ich

Es ist klar – der beste Konsum ist immer noch gar keiner. Ziel der Gemeinwohlökonomie ist es aber auch, die Produkte, die ethisch hergestellt werden, günstiger für die*den Konsument*in zu machen. Selbst wenn man es derzeit wollte, es kann sich eben nicht jeder Studierende Bio leisten.
Ethik könnte und sollte sich auch auf dem Markt durchsetzen – dann kann keiner mehr dem Konkurrenzdruck des Marktes die Mitschuld geben, wenn beispielsweise Textilunternehmen ihre Kleidung in Bangladesh zu Hungerlöhnen produzieren lassen und dabei die Notsituation der Arbeitenden ausnutzen. Warum sollte es noch moderne Sklav*innenhaltung geben, wenn es sich für niemanden rechnet?

Gemeinwohlökonomie – kein Patentrezept

Geistiger Vater dieses Konzeptes ist Christian Felber, der sich in seinem Buch “ Die Gemeinwohlökonomie“ detailverliebt Nationen ausmalt, bei denen Gemeinwohlökonomie herrschen könnte. Nicht als letzte und beste Wirtschaftsform, nur als die momentan bessere.
Bereits einige Unternehmen haben auf freiwilliger Basis eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt, darunter auch die Sparda Bank München.
Und auch politisch beschäftigt man sich bereits mit der Gemeinwohl-Ökonomie. So findet man auf der Website der Initiative, dass in der Plenarsitzung des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) in Brüssel im September 2015 die Initiativstellungnahme zur Gemeinwohl-Ökonomie von einer Mehrheit von 86% der Stimmen angenommen wurde. Weiter heißt es dort: „Das positive Abstimmungsergebnis ist zugleich eine klare Aufforderung an die Europäische Kommission: Im Rahmen der neuen EU-Strategie für soziale Verantwortung  sollen Unternehmen für den Nachweis höherer ethischer Leistungen künftig belohnt werden.“
Doch gleichzeitig versteht sich das alles nicht als Patentlösung, sondern als persönlicher Denkanstoß, denn Wirtschaft ist immer persönlich. Und was, wenn Wirtschaft mal nicht gegen den Klimaschutz arbeiten würde, sondern gegen Niedriglohnsektoren und Ungleichheit? Wie würde dir das schmecken?

Mehr Infos:

https://www.ecogood.org/
Gemeinwohlmatrix: https://balance.ecogood.org/matrix-4-1-de/matrix-4-1-de

2 thoughts on “Du hast da Dollarscheine in den Augen”

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