von Leonie Ziem

Es gab kluge Menschen, die meinten einmal, dass die Erde eine Scheibe sei. Wenn wir Wahrheit also so definieren, dass die Mehrheit der Forscher*innengemeinde einer Meinung sein muss, dann haben wir ein Problem. Das haben wir auch, wenn wir Akademiker*innen mit ihrem Universitätshabitus – man erkennt sie daran, dass sie Dinge wie »Habitus« sagen – nur lügen. Expertentum ist wichtig. Sonst wüssten wir heute nicht, dass die Erde eine Kugel ist. Oder ist die Erde gar keine Kugel? Gibt es überhaupt Wahrheit? – Eine philosophische Betrachtung

Wenn es keine Wahrheit gibt, ist dieser Text absurd. Du könntest genauso gut etwas über Butterbrotboxen lesen, Urzeitkrebse, Tütensuppen oder Sexspielzeug. EGAL. Wenn es keinen Wahrheitswert gibt, wird alles beliebig. Die Deutungshoheit über das, was als ‚wahr‘ gilt, ist in Wissenschaft und Alltag umkämpft. Jede Studie muss sich unweigerlich mit ihrem Wahrheitsgehalt auseinandersetzen, um Gültigkeit oder Anspruch auf Handlungsanweisungen zu erfahren. Damit ich überhaupt irgendwas sagen kann, sei es auch nur die Wiedergabe der Geschehnisse der letzten Black Mirror-Folge, muss es eine Möglichkeit geben, dass ich nicht nur von Schabernack erzähle, auch wenn Schabernack ein sehr schönes Wort ist.

Bitte erzähl mir was, sonst einfach was anderes

Bei jeder einzelnen Meinungsäußerung wird vorausgesetzt, dass diese einen gewissen Wahrheitsgehalt in sich trägt oder zumindest von vornherein eine Möglichkeit auf Wahrheit besteht. Sonst könnten wir keine Überzeugungen vertreten oder eine andere verurteilen. Was passiert aber, wenn man die Möglichkeit einer objektiven Wahrheit als Bezugsgröße in Zweifel stellt? Ein Typ hat das mal gemacht. Er hieß Nietzsche.

„Das Blatt ist die Ursache der Blätter.“

Der Philosoph Friedrich Nietzsche behauptet, es gebe keine Möglichkeit auf Wahrheit. Er beschreibt, dass eine als ‚wahr‘ geltende Aussage nichts Weiteres sei, als die Einhaltung der sprachlichen Konventionen. Diese Konvention sei zudem nur eine „erfundene verbindliche Beziehung“. Was Menschen demnach als wahr gelten ließen, sei lediglich eine gesellschaftskonforme Nutzung eines Begriffs aus ihrem Wortschatz. Dies führe dazu, dass ‚Wahrheit‘ ausschließlich Beziehungen zwischen Dingen meine. Das Problem dabei ist: Wahrheit kann nicht relativ sein. Statt also mittels der Sprache Wahrheit bestimmen zu können, hat die Sprache bloß eine regulative Funktion, die die Welt in ein Korsett aus festen Konventionen schnürt. Nur in diesem Regelwerk, nur dadurch, dass sprachliche Konventionen gehalten oder gebrochen werden, ergibt sich nach Nietzsche das Konstrukt von Wahrheit und Lüge.

Der Duden hat sturmfrei

Am Anfang war das Wort Steckdosenverlängerungskabel. Hier ist Platz für beliebige andere Wörter. Aber was ist ein Wort? Nietzsche versteht darunter die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten. Von diesem Nervenreiz aber weiterzuschließen auf eine Ursache außer uns selbst, sei nicht möglich. Es gebe keinen stichhaltigen Kausalzusammenhang zwischen einem Nervenreiz und der Wahrheit. Für ihn sind das zwei, komplett voneinander getrennte Sphären: Die des Subjekts und die des Objekts. Nietzsche beschreibt damit die Unfähigkeit, etwas wahrzunehmen und auszudrücken, ohne die ‚menschliche Brille‘ dabei abzunehmen, die den Filter unserer Wahrnehmung der „Dinge“ – also durch Sinne und Verstand – darstellt. Alles, was wir über ein bestimmtes Ding ausdrücken, hat somit mehr Aussagekraft über den*die Sprachbildner*in selbst als über das ‚Ding an sich‘. Wenn ich über die Wandfarbe rede, dann wie ich sie wahrnehme und nicht wie sie tatsächlich ist oder sein könnte. Meine ist übrigens weiß – behaupte ich mal ganz wild.

Wahrheit, Unwahrheit, Wassereis

Wahrheit ist, wenn die Mehrheit der Forscher*innengemeinde einer Meinung ist- das sagt zumindest die Konsenstheorie. Nun hat auch mal die Mehrheit der Forscher*innen geglaubt, die Erde sei eine Scheibe. Dann ist Wahrheit vielleicht das, was dabei rauskommt, wenn sich ein Überzeugungssystem ohne Widersprüchlichkeit erklären lässt. Das sagt zumindest die Kohärenztheorie. Aber nur weil innerhalb eines Systems etwas stimmen kann, weiß ich noch nicht, dass es sich tatsächlich um Wahrheit handelt. Wenn ich also eine Menge von Sätzen habe, die alle wahr sein können, ohne sich zu widersprechen, dann fehlt mir vielleicht einfach das Wissen um den einen weiteren Satz, der mein ganzes Gefüge zum Einstürzen bringt.

Vernunft als Pointe

„Wenn Jemand ein Ding hinter einem Busche versteckt, es eben dort wieder sucht und auch findet, so ist an diesem Suchen und Finden nicht viel zu rühmen: So aber steht es mit dem Suchen und Finden der ‚Wahrheit‘ innerhalb des Vernunft-Bezirks.“ Nietzsche sagt damit, dass wir beobachten könnten so viel wir wollten, am Ende könnten wir das „Ding an sich“ dennoch nicht erkennen. Quasi: Einmal den Mittelfinger gegen alle Erkenntnissuche, bitte! Bei der vermeintlichen Überwindung der getrennten Sphären von Subjekt und Objekt handle es sich stets um eine Relation oder Interpretation, die künstlich kreiert werden. Zudem führe das wiederholte Verwenden von Metaphern zur Beschreibung der Dinge lediglich dazu, dass diese sich in den Generationen verfestigten. Wie lernt das Gehirn am besten? Durch Wiederholung!

Die Mücke und das Pathos

„Könnten wir uns aber mit der Mücke verständigen, so würden wir vernehmen, dass auch sie mit diesem Pathos durch die Luft schwimmt und in sich das fliegende Centrum dieser Welt fühlt“, mithilfe des Pathos-Begriffs mokiert sich Nietzsche über das menschliche Streben nach Erkenntnis, dass die Köpfe so vieler Generationen sowohl mit Fragezeichen als auch mit Überheblichkeit gefüllt hat. Der Drang zur Wahrheit und die Überheblichkeit, dass jemand meine, die Wahrheit gefunden zu haben, sind für Nietzsche bloß Spielereien des menschlichen Intellekts. Können aber etwa Naturgesetze beliebig sein? Naturgesetze anzuzweifeln ist doch wie das letzte Gummibärchen wegschmeißen: Absurd. Allerdings sind Naturgesetze ja auch nicht von der Natur gemacht, sondern nur vom Menschen festgeschrieben. Nietzsche argumentiert, dass ein Naturgesetz „uns nicht an sich bekannt [ist], sondern nur in seinen Wirkungen d.h. in seinen Relationen zu anderen Naturgesetzen, die uns wieder nur als Relationen bekannt sind.“

Hallo, liebe*r aufmerksame*r Leser*in!

Oh, wie wunderbar, du hast recht. Irgendwas stimmt hier nicht. Wollte ich beweisen, dass Nietzsche Recht hat, also dass sein Ansatz wahr sei, so käme ich schnell in den Verdacht, einen Widerspruch für wahr zu halten, nämlich: Es gibt eine Wahrheit, und zwar, dass es keine Möglichkeit zur Wahrheit gibt. So bewegt sich auch Nietzsche in einem – scheinbar – unauflöslichen Widerspruch.

Wahrscheinlichkeit schlägt Wahrheit

Vielleicht sind die Kategorien ‚wahr‘ und ‚unwahr‘ für Nietzsche einfach zu radikal. Statt sich als Mensch anzumaßen, jemals auf Wahrheit zu stoßen, müssen wir davon ausgehen, niemals eine absolute Wahrheit ausdrücken zu können, weil wir (a) kein Mittel dazu haben und (b) schließlich niemals unsere ‚menschliche Brille‘ abnehmen können. Wir können nicht zu objektiven Schlüssen gelangen, da wir als Subjekte stets durch eine individuelle Sichtweise auf einen Gegenstand blicken. Das Wahrheitsprädikat ist ein nützliches Hilfsmittel zur Ordnung, aber nicht verwendbar, um auszudrücken, dass etwas tatsächlich wahr ist.

Wie wäre es mit einem Maßstab der Wahrscheinlichkeit? Mit dieser Bezugsgröße lässt sich Nietzsches Widerspruch auflösen. Jede Behauptung wäre ein Näherungswert. Dies ist ein Prinzip, das in vielen praktischen Bereichen bereits angewendet wird, zum Beispiel bei Gericht. Oh, und falls du dich jetzt ärgerst und doch lieber was über Urzeitkrebse lesen wolltest, schau mal hier.

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