Text von Leonie Ziem | Illustrationen von Anne Meerpohl

Dort, zwischen Geschichten von roten Bettlaken und Jungfernhäutchen, begann meine Jugend. Ich wusste nicht, wie mein eigenes Geschlechtsorgan richtig heißt – der äußere sichtbare Part nennt sich Vulva;  das zwischen Vulva und Gebärmutter heißt Vagina. Ich wusste nicht, ab wie viel Haut die magische Grenze begann, bei der ich angeblich selbst schuld sei, wenn bestimmte Personen anfangen zu gaffen. Ich wusste nicht, wie viel Sex mit wechselnden Menschen in Ordnung war, bevor Leute anfangen, das S-Wort zu zücken. Meine Welt war ein Ort, an dem Serien wie Sex and the City längst zur Popkultur gehörten und gleichzeitig Tausende von Mädchen sich fragten, ob es auch für sie in Ordnung wäre, zu masturbieren. Kurz: Ein paradoxerweise verdammt unaufgeklärter Ort. An diesem unaufgeklärten Ort kursieren immer noch Legenden über das Jungfernhäutchen. Mal heißt es, dass es bereits beim Sport reißen kann. Ein andermal heißt es, dass bereits durch die Nutzung von Tampons das Jungfernhäutchen verschwindet. Beides falsch.

Juhu, wir rekonstruieren einen Mythos

Wenn man bei Google „Jungfernhäutchen“ eintippt, lautet der erste Vorschlag: Jungfernhäutchen wiederherstellen. In einem Artikel aus der Ärzte-Zeitung von 2010 heißt es: „Dass die Nachfrage da ist, beweisen Angebote wie die einer Klinik für Plastische Chirurgie, die die Kosten für eine Hymenrekonstruktion auf ihrer Homepage mit 2100 Euro angibt.“ Eine Hymenrekonstruktion ist die Konstruktion des Jungfernhäutchens, das in der Medizin Hymen genannt wird. „› Für nur 24,95 Euro (inklusive Versandkosten) retten Sie ihre Ehre und verlieren ihren großen psychischen Druck wirbt dagegen ein Unternehmer auf seiner Webseite für ein künstliches Jungfernhäutchen mit Kunstblut„. So liest sich der Artikel des Ärztefachblatts weiter.

Die Hymenrekonstruktion ist etwas, das vor Kurzem in Dänemark verboten wurde. Die Frage, die man sich jetzt stellen sollte, lautet nicht, warum es verboten wurde. Die richtige Frage sollte vielmehr lauten, warum jemals in einer Frau* das Bedürfnis auftauchte, ihr Jungfernhäutchen wiederherzustellen.
Vielleicht muss man dazu etwas in unserer kulturellen Identität und Kulturgeschichte graben. Es gibt beispielweise eine ganze Disziplin in der Theologie, die sich damit beschäftigt, wie die „Jungfrau Maria“ vor der Geburt, während der Geburt und nach der Geburt ein unbeschädigtes Jungfernhäutchen haben konnte. Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal weist in ihrem Buch Vulva  – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts auf diese Disziplin namens Theogynäkologie hin.
Ich verrate es euch, ihr Theogynäkologie-Clowns: Das Jungfernhäutchen ist eine verdammte soziokulturelle Erfindung, bei dem das Christentum vermutlich nicht ganz unschuldig ist. Zumindest hat der Status der Jungfräulichkeit in unserer Gesellschaft es schwarz auf weiß in eines der meist verkauften Bücher geschafft: Die Bibel. Das Ideal – und damit auch das Skript – ist klar: In der Hochzeitsnacht dringt der Mann ein, die Frau blutet und juhu, sie war unschuldig.

Es gibt kein Siegel namens Jungfernhäutchen

Machen wir es kurz und schmerzlos: Es gibt kein Jungfernhäutchen. „Trotzdem hält sich die Überzeugung, dass vor dem ersten Geschlechtsverkehr in der Vaginalöffnung eine dünne Haut gespannt ist, vergleichbar mit der Frischhaltefolie, die die Waren im Supermarkt versiegelt, um anzuzeigen, dass sie unberührt sind. Auch der vermeintlich wissenschaftliche Begriff Hymen ist nur Griechisch für das gleiche Konzept“, schreibt Mithu Sanyal in ihrem Buch. Die griechische Bezeichnung Hymen sei irreführend, da sie übersetzt Membran oder Haut heiße. Doch das Jungfernhäutchen sei kein Siegel, das beim ersten Geschlechtsakt gebrochen wird. Es handle sich nicht um eine Membran oder straffe Haut, sondern „um eine Ansammlung von ringförmig angeordneten Schleimhautfalten, eine Korona – ebenfalls griechisch für Kranz oder Krone“. Weil der Begriff Jungfernhäutchen derart ideologisch ausgerichtet ist, hat der schwedische Sprachrat 2009 den Begriff durch vaginale Korona ersetzt.

Auch in dem Artikel ‘Something that stretches during sex’: replacing the word hymen with vaginal corona to challenge patriarchal views on virginity weisen die Wissenschaftlerinnen Milles, Holmdahl, Melander und Fugl-Meyer darauf hin, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für eine zerbrechliche Membran in dem vorderen Bereich der Vagina gibt. Dennoch ziehen Jungfräulichkeitskontrollen weltweit sehr viel Leid mit sich, es werden Hymen – (Re-)Konstruktionen durchgeführt und viele Frauen* und Mädchen* verzichten nicht nur auf Sex, sondern auch auf körperliche Aktivitäten wie Radfahren, Reiten oder Springen. Sie befürchten, ihr Jungfernhäutchen würde reißen.

Die  vaginale Korona verschließt die Vagina also nicht. Wenn in Ausnahmefällen dies doch vorkommen sollte, ist dies ein ernstes Problem, „das medizinisch behoben werden muss, weil Menstruationsblut und andere vaginale Flüssigkeiten dann nicht abfließen können“, erklärt Mithu Sanyal. Sollte es tatsächlich ein rotes Laken geben, dann nur aufgrund einer Verletzung. Das passiert zum Beispiel, wenn der vaginale Bereich nicht ausreichend feucht ist. Das kann beim ersten Mal schon vorkommen, doch weniger als die Hälfte aller Frauen bluten.

Der Mainstream der Sexualaufklärung ist im 20. Jahrhundert stehen geblieben

Währenddessen publiziert die Bravo immer noch fleißig Artikel, wie der von 2018, in dem sie erklärt: „Das Jungfernhäutchen reißt häufig beim ersten Geschlechtsverkehr ein.“ Ich würde solche Artikel bereits unter grob fahrlässig einordnen. Die selbsternannten Aufklärer*innen des Dr. Sommer-Teams stehen damit in einer ganz bestimmten Tradition. Der Tradition, systematisch Frauen* zu unterdrücken, indem man ihnen vorgaukelt, sie hätten ein Jungfernhäutchen, und dass man ihnen, sobald sie ihre „Unschuld“ verlieren, das auch nachweisen könnte.

Ich bin mir zudem nicht sicher, ob es mir mehr Angst macht, dass die Worte, die wir benutzen, bereits so offensichtlich frauenverachtend sind, oder dass es den meisten gar nicht auffällt.  Neben dem Begriff des Jungfernhäutchens ist der Begriff Unschuld ein weiterer. Wer mit dem Geschlechtsakt seine Unschuld verliert, wird schuldig. Die Frau mit dem Jungfernhäutchen bleibt Jungfrau, ein Ebenbild der Jungfrau Maria. In einer Stellungnahme von pro familia heißt es: „Die gesellschaftliche Bedeutung der Jungfräulichkeit wird häufig dafür verwendet, Frauen ihre sexuelle Selbstbestimmung zu verweigern und sie in ihrer Lebensführung einzuschränken.“
Ein guter Grund, sich nicht länger von veraltetem Sexualkundeunterricht oder Wikipedia und dem, was sonst so zu unserer Kultur gehört, mit sexuellen Zwängen belegen zu lassen. Das Konzept des Jungfernhäutchens ist nur ein Symptom der Unterdrückung. Frohes Vögeln.

Oder Radfahren oder Reiten oder Springen.

One thought on “Die Erfindung des Jungfernhäutchens”

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