von Jale Pakhuylu

Irre ich mich mit dem Gefühl, dass die Liebe in unserer Gesellschaft dem Ende geweiht ist? Ist es nur ein Hirngespinst meinerseits, dass der Hass die Liebe verdrängt, dass je größer unser Umfeld, desto stärker die Einsamkeit in uns tobt? Tut es dir ebenfalls im Herzen weh zuzusehen, wie Gruppen von Menschen Andere diskriminieren, verstoßen und verletzen? Verwundert es dich ebenso, dass Menschen in Krisen Toilettenpapier der Nächstenliebe vorziehen?

Manchmal ist es schwer zu sagen, ob unsere Gesellschaft für die Liebe kämpft oder vielmehr Krieg gegen sie führt.

Der gesellschaftliche Hass gegen Minderheiten nimmt augenscheinlich zu. Terroranschläge wie in Hanau beweisen, dass Fremdenfeindlichkeit keine subtile Haltung mehr ist, die man heimlich beim Abendessen auspackt. Heile Familien scheinen ausgestorben. Unser Selbstoptimierungswahn à la social media beweist, dass wir auf einem Weg der Selbstverleumdung sind anstelle der Selbstliebe. Wir posten unsere mit Filtern vollgepackten Selfies, auf denen jegliche Makel wegbearbeitet werden, mit paradoxen, sinnentleerten Titeln wie „Love yourself“. Im Radio laufen nur noch Lieder über gebrochene Herzen, über Trennung, über das Alleinsein. Wir leiden zu häufig unter Eskapismus, der Realität zu entfliehen ist für uns angenehmer, als uns mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen und aktiv etwas zu verändern. Sich festzulegen erscheint in unserer Generation verpönt und spießig. Wir tun so, als wären wir emotionale Freigeister, die durch Freundschaft plus ihre Erfüllung finden. In Wahrheit fühlen wir uns jedoch allzu häufig einsam, allein gelassen und unverstanden. Wir können uns gegenseitig und uns selbst nicht mehr in die Augen sehen. Kannst du deinem eigenen Blick standhalten, morgens im Spiegel? Und das Schlimmste an dem Schlamassel: Wir stehen auf Schmerzen. Es scheint einen unausgesprochenen Wettkampf darüber zu geben, wem es schlechter geht. Wer macht sich die meisten Sorgen über Geld, wer hat mehr zu tun? Give it to me and I’ll give it to you. Wer am lautesten schreit, gewinnt – turn up the volume.

So frustrierend unsere Welt auch sein mag, ist das wirklich die ganze Wahrheit? Ich hoffe sehr, dass du bei all der Schwarzmalerei zu grübeln angefangen hast. Ich wünsche mir, dass dir auch Beispiele einer gegenteiligen Entwicklung aufgefallen sind, die sich hinter den Mauern unseres Alltags verstecken. Ich habe das Konstrukt der Apokalypse aufgebauscht, um es nun mit Leidenschaft wieder kaputtzuhauen.

Die Definition von Apokalypse laut Duden ist „Unheil, Untergang, Grauen“. In unserer Welt herrscht keine Apokalypse der Liebe, es herrscht eine Apokalypse, also ein Untergang der Ignoranz, des Hasses und des Einzelgängertums. Es herrscht eine Apokalypse der Angst. Und konträr dazu erblüht in diesem Moment, mit Hilfe von dir und mir, eine Renaissance der Menschlichkeit, eine Renaissance der Solidarität, eine Renaissance der Liebe. Es scheinen die Zeiten der Krise zu sein, die dein wahres Selbst offenbaren.

Ich glaube daran, dass der Mensch nichts tut, ohne einen Vorteil dadurch zu erhalten – sei es bewusst oder unbewusst. Welchen Vorteil haben wir davon, uns in die Einsamkeit zu flüchten? Was wäre, wenn die Flucht in die Einsamkeit nur ein Hilfeschrei ist? Im Schutz der Einsamkeit ist die Gefahr gering, getäuscht und verletzt zu werden. Was wäre, wenn Einsamkeit zum Selbstbild gehört und diese aufzugeben bedeuten würde, sich selbst untreu zu werden, sich zu verstellen? Könnte es nicht sein, dass Einsamkeit dazu verhilft, sich von anderen abzugrenzen und die eigene Einzigartigkeit dadurch zu betonen?

Was ist, wenn der ganze Hass auf der Welt ein Zeichen dafür ist, dass Tausende verletzter Kinder in Körpern von Erwachsenen umherirren und zerstören, um endlich gesehen zu werden? Kann es nicht sein, dass in jedem Menschen, in wirklich JEDEM, ein unschuldiger Teil existiert, den es zu entdecken gilt? Kann es sein, dass dieser Teil der heilige Gral unserer Gesellschaft ist und uns alle retten wird? Und wie kommen wir da dran?

Was wäre, wenn wir in Momenten der Angst die Liebe wählen? Wenn wir darauf bauen, dass Liebe und Mitgefühl uns nähren, und nicht die vollgehamsterten Schränke. Wenn wir versuchen, unsere Mauern im Herzen niederzureißen, statt uns gegenseitig durch Hirngespinste voneinander zu trennen, was würden wir dadurch gewinnen können?. Es scheint als bräuchte die Welt gerade kleine Helfer, die zeigen, dass die Luft, die du und ich atmen, uns verbindet, egal, wie sehr auch versucht wird, diese zu separieren. Was wäre, wenn ein Tröpfchen Liebe im Ozean des Hasses eine kleine Veränderung bewirkt, und Atom für Atom durch den Kontakt zur Liebe ins Wanken kommt? Glaubst auch du daran, dass wir eine Gesellschaft des Mitgefühls und der Nächstenliebe erschaffen können, gerade in dunklen Zeiten?

Ich möchte an das Gute glauben. Ich möchte an die Renaissance der Menschlichkeit, des Mitgefühls und der Nächstenliebe glauben. Wir brauchen Liebe, Zusammenhalt und Mitgefühl. Und am deutlichsten suchen wir nach diesen, wenn es um uns herum dunkel erscheint. Vielleicht sind wir genau an diesem Tiefpunkt angekommen, um zu erkennen, was wir eigentlich brauchen. Wenn ich mir die Entwicklungen auf der Welt angucke, die scheinbar Angst und Schrecken verbreiten sollen, sehe ich in Wirklichkeit eine Neuentdeckung von Werten, das Aufblühen des Miteinander und das Erschaffen von Visionen für eine bessere Welt.

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