von Paul Stegemann | Illustration: ©Frieda Teller

Absurditäten einer basisdemokratischen Zeitumstellung und warum wir eigentlich keine Zeit dafür haben

Das Jahr 1980 hat die Leben vieler Deutschen verändert wie wohl kein anderes jemals zuvor. Die links-ökologische Anti-AKW Bewegung konstituiert sich unter dem ungewöhnlichen Namen DIE GRÜNEN, Papst Johannes Paul II. ringt sich als erster Stellvertreter Gottes seit fast 200 Jahre zu einem Besuch in der Bundesrepublik durch und Clueso wird an einem regnerischen Nachmittag in Erfurt unter dem Künstlernamen Thomas Hübner geboren. Abseits dieser historischen Ereignisse gehen Ost- und Westdeutschland einen Schritt, dem sie lange ausweichen wollten: Sie drehen an der Uhr.

Anstatt einer ganzjährigen, einheitlichen Zeit, gibt es seitdem zwei verschiedene Uhrzeiten. Die Argumentation: wir sparen Energie und schenken den Arbeiter*innen eine weitere Sonnenstunde nach Feierabend. Für diesen rationalen Zweck nehmen die Regierungen der zwei Deutschlands auch den enormen Behördenaufwand, Zeitsalat an deutschen Bahnhöfen und Ärger unzähliger Landwirte hin.

38 Jahre später gibt es einen Neuanfang. Die EU-Kommission möchte die Uhr wieder zurückdrehen. Dafür hat sie eine Umfrage unter allen Opfern der Zeitumstellung durchgeführt, um zu prüfen in welcher Zeit die Menschen leben möchten.

Hauptsache irgendwas diskutieren

Das Ergebnis der Umfrage fiel deutlicher aus als gedacht. Unbestätigten Berichten zufolge wurden in der Kommission nach Bekanntwerden der Resultate aus Freude Purzelbäume geschlagen – gegen und mit dem Uhrzeigersinn. Ganze 84% der Teilnehmenden sprechen sich für eine das ganze Jahr über einheitliche Zeit aus. Kein Jetlag, keine nervige Zeitumstellung der Handys oder Funkuhren. Endlich die Veränderung wieder abschaffen! Und das basisdemokratisch!

Angela Merkel erklärte im Anschluss der Veröffentlichung, dass dieses Thema „oberste Priorität“ für sie habe und Kommissionspräsident Juncker möchte es den Mitgliedsstaaten schon ab dem Jahr 2019 freistellen, ob ihre Uhren in der Winter- oder Sommerzeit ticken sollen. Kritiker*innen des Referendums nörgeln, die Umfrage sei nicht präzise genug gewesen: 56% der Unionsbürger*innen die die Sommerzeit präferieren würden, haben die Fragestellung nicht verstanden. Sie mögen den Sommer lediglich lieber als den Winter.

Teilgenommen an der Studie haben für das ganze EU-Volk 4,6 Millionen EU-Bürger*innen, davon ungefähr 3,1 Millionen Deutsche. Weniger als ein Prozent der Bevölkerung sind Grund genug, um das Thema auf die Agenda zu setzen. Enthusiast*innen aus Brüssel sprechen von einer ganz neuen Art des Volksantrags. Tatsächlich aber geht die Initiative von der Kommission aus, die sich die Unterstützung in einer nicht repräsentativen Bevölkerungsmehrheit sucht. Mit Demokratie hat das freilich nichts zu tun.

Sommerzeit? Winterzeit? Keine Zeit?

Die Debatte um die richtige Zeit ist den anderen 99% der Unionsbürger*innen nach einer nicht repräsentativen Umfrage lästig und scheißegal. Es gibt keinen energiesparenden Effekt, keine der verschiedenen Theorien über einen Einfluss auf die Lebensfreude im Zusammenhang mit der Uhrzeit ist erwiesen und die Sonnenstunden werden weder mehr, noch weniger.

Die Zeitumstellung betrifft das Leben eines jeden einzelnen Menschen, weshalb es sich eignet um Politik im Sinne der Identitätsstiftung zu machen. Jede*r solle sich mit der überflüssigen Frage befassen und merken, dass sie die ganze Europäische Union betrifft. Die EU existiert also doch noch und macht Politik für uns alle! Ob wir am Ende mit der Sommerzeit, Winterzeit oder mit beiden Zeiten leben, ist dabei unwichtig.

Bei anderen Inhalten wäre das anders: Die Ungleichheit der Lebensverhältnisse in und zwischen den Mitgliedsstaaten, der aufkommende Nationalismus, die Herausforderungen der Globalisierung, die Jugendarbeitslosigkeit, der Klimawandel – sind Themen, bei denen wir dringend eine breite europäische Debatte benötigen. Entscheidungen in diesen Feldern treffen die Leben aller Unionsbürger*innen. Was würde passieren, wenn über diese Themen Online-Abstimmungen durchgeführt und gesellschaftsübergreifend diskutiert werden würde?

Wir würden streiten, emotional werden, Grundsätzliches bezweifeln, idealisieren, rationalisieren, aber vor allem ins Gespräch kommen und gemeinsam wichtige Ziele auf den Weg bringen.

Ein echter clueso’scher Neuanfang.

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