von Leonie Ziem

Heute Morgen habe ich vor lauter Verzweiflung in meinem Nudelsalat nach Wahrheit gesucht. In dem Fach, das ich studiere, ist das mit der Wahrheit so eine Sache. Die Philosophie ist sich nicht mal darüber im Klaren, was genau ihre eigene Definition ist, allein das ist bereits eine philosophische Frage. Absolute Wahrheiten sind schwer zu finden, es gibt einfach keine zeitlos gültigen Grundsätze wie in der Mathematik. Nudelsalat oder Halloumi im Brot – Das ist hier die Frage.

Ich stochere weiter in meinem Essen. Wenn Wahrheit immer nur ein Näherungswert ist, läuft die Wahrheitssuche vielleicht immer nur gegen Unendlich. In meinem Nudelsalat finde ich Pinienkerne und Pesto. Nudeln – wahr? Pinienkerne – wahr? Oder hat am Ende dieser Nudelsalat überhaupt keinen Wahrheitsgehalt?
Wenn ich in der Gegenwart schon keine Wahrheiten finde, lassen sie sich vielleicht in der Retrospektive bestimmen – und zumindest die Aussage ich esse Nudelsalat könnte doch einen überprüfbaren Wahrheitsgehalt haben.
So einfach ist es dann aber doch nicht.
Wenn ich zum Beispiel in einer Woche darüber nachdenke, ob ich heute Nudeln gegessen habe, so kann es dazu kommen, dass ich mit voller Überzeugung behaupte, es wäre ein Halloumi im Brot gewesen. Erinnerungen wirken oft einfach kuschliger als tatsächlich erlebt und manchmal sind sie schlicht falsch.

Wie viel Wahrheit liegt in der Erinnerung?

Die Gedächtnisforscherin und Rechtspsychologin Julia Shaw behauptet: „Wir können unseren Erinnerungen nicht trauen“. Sie forscht auf dem Gebiet der Erinnerungen und führte 2015 an der University of British Columbia ein Experiment durch, in dem sie Proband*innen eine falsche Erinnerung einpflanzte. Sie ging der Frage auf den Grund, inwiefern Erinnerungen subjektiv als wahr angesehen werden können, obwohl sie erstunken und erlogen sind.
Dabei versuchte sie in ihrem Experiment, Personen einzureden, sie hätten in ihrer Jugend eine Straftat begangen. Während in der ersten Sitzung noch niemand meinte, sich an das von Shaw erfundene Erlebnis erinnern zu können, so waren nach bereits drei Sitzungen 70% der Proband*innen davon überzeugt, die fiktive Straftat tatsächlich begangen zu haben. Eine Vorstellungsinflation hat stattgefunden. Das bedeutet, dass ein Ereignis, das man sich oft oder intensiv vorstellt, ein Vertrautheitsgefühl hervorruft. Diese Vorstellung ordnet man dann fälschlicherweise dem Erinnerungs- statt dem Vorstellungsvermögen zu. Dieses Ergebnis lässt mich staunen und das Essen vergessen. Mein Nudelsalat kann ja nicht kalt werden. Oder war es doch der Halloumi?

Wer ist das Gedächtnis und wenn ja, wie viele?

Die physische Repräsentation einer Erinnerung oder auch die Spur, die Erlebtes im Gehirn hinterlässt, wird Engramm genannt. Die Summe aller Engramme ergibt das Gedächtnis. Ein Engramm ist im Wesentlichen ein Neuronennetzwerk.
So wird jede Erinnerung in einer Vielzahl von Fragmenten in verschiedenen Gedächtnisstrukturen gespeichert. Jede Komponente einer Erinnerung wird auch in dem Gedächtnisareal bewahrt, in dem sie ursprünglich erzeugt wurde. Es gibt daher nicht den einen „Ort“ im Gehirn, in dem das Gedächtnis sitzt.

Collage: © Leonie Ziem

Gestern bin ich auf einem blauen Einhorn geritten

Mein Einhorn war vielleicht aber auch ein Pferd. Und möglicherweise war es auch nicht blau, sondern schwarz und manchmal weiß es ja die Vernunft auch besser als die Erinnerung.
Sich zu erinnern bedeutet zu rekonstruieren. Dies hat zur Folge, dass eine Erinnerung stets eine Verknüpfung ist aus dem Originalerlebnis – bzw. dem, was wir davon wahrgenommen haben – und der Situation, in der man versucht, dieses zu rekonstruieren.

Ich finde das unheimlich und frage mich, was das mit dem kollektiven Gedächtnis macht. Etwa wie wir Vergangenes vergessen, vergeben, relativieren, verzerren oder ins Gedächtnis rufen und strafen wollen.  All das kann Instrument und Legitimation für Politische Akteur*innen bieten. Und auch die Identitätsbildung und das Gemeinschaftsgefühl einer Nation sind eng mit dem kollektiven Gedächtnis verknüpft. So befasst sich eine Studie der Essener Forschungsgruppe mit den Erinnerungen Deuscher an die NS-Vergangenheit ihrer Angehörigen. In dem Buch „Opa war kein Nazi“ hält die Forschungsgruppe ihre Ergebnisse fest, die sie durch die Auswertung der Daten des Meinungsforschungsinstitut Emnid ermittelt haben. Demnach sollen ganze 26 % der Vorfahren Verfolgten geholfen und 13% sogar im Widerstand gewesen sein, was fern von jeder Realität ist.
Die Interviews, die das Meinungsforschungsinstitut geführt hat, bestehen zu zweidrittel lediglich aus Opfer- und Heldenerzählungen. Klar, manchmal hört man nicht nur, was man hören will, sondern erzählt es gleich selbst. Ein Begriff, der in diesem Kontext abgestanden riecht und schlecht schmeckt, nennt sich Holocaustleugnung. Eigentlich trieft von seinen Buchstaben braune Brühe, aber manchmal verkleidet er sich auch im Blau der Afd. 

Die Verbalisierung der Erinnerung, also das Erzählen eines Erlebnisses, das sogenannte „verbal overshadowing“ ist dabei elementar. Dieser Begriff beschreibt das Phänomen, dass es uns nach der Verbalisierung eines Erlebnisses schwerer fällt, uns an das Originalerlebnis zu erinnern. Viel eher erinnern wir uns an unsere vereinfachte Verbalisierung des komplexen Erlebnisses.  Das ist gefährlich, wenn Kinder und Enkel der NS-Vorfahren oder Bürger*innen, die zu viele braune Reden hören, sich plötzlich in verharmloster Form an den Nationalsozialismus erinnern. Doch die Erinnerungen spielen in jedem Lebensbereich eine Rolle – ob bei Zeugenaussagen vor Gericht oder bei psychologischen Therapien, die plötzlich eine verschüttete Missbrauchserinnerung hervorbringen.  Wann beginnt dort die Vorstellung zu Erinnerung zu werden und wie gerecht kann man tatsächlichen Opfern werden?

Im Gegensatz zur Speicherung von Inhalten auf einem Computer, hat unser Gehirn nicht die Möglichkeit, auf Originalerlebnisse ungefiltert zuzugreifen. Jede Erinnerung wird bei jedem Abruf überschrieben. Das wird durch die neuronale Plastizität unseres Gehirns, der Anpassungsfähigkeit des Nervensystems, verursacht. Neuronale Netzwerke können  stets neu gebildet und schon bestehende verändert werden.

Welcher Idiot hat diese neuronale Architektur entworfen?

Falsche Erinnerungen sind eine Nebenwirkung der positiven Eigenschaften unseres Gehirns. Wir sind dadurch auch in der Lage, unsere Meinung zu ändern – zumindest manche von uns. Die Plastizität des Gehirns erlaubt es zudem, neue Gedankengänge zu haben und kreativ zu sein. Es zeigt jedoch auch, wie manipulativ wir sind und dass ein hohes Potential dafür existiert, Erfundenes für wahr zu halten. Es heißt nicht umsonst oft, dass eine Lüge durch Wiederholungen zur Wahrheit wird. Wenn man die Lernforschung betrachtet, ergibt dies durchaus Sinn. Wie lernt das Gehirn am besten? Durch Wiederholung! Wie lernt das Gehirn am besten? Durch Wiederholung!

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