von Leonie Ziem

Es ist Prüfungszeit. Eigentlich sollte ich lernen wie man richtig philosophisch argumentiert, stattdessen schreibe ich einen Artikel über schlechte Argumente und versuche herauszufinden, ob das nun ein gutes Argument dafür ist, nicht zu lernen. Irgendwie fühlt sich das nach einem Fehlschluss an – aber wie entlarve ich schlechte Argumente?

Sie schleichen sich ein, werden gebrüllt, aufgeschnappt oder an den Kopf geworfen: Schlechte Argumente in Zeitungen, Talkshows , im Supermarkt oder am Essenstisch. Überall wird argumentiert. Im Bereich der Logik werden solche Argumente genau betrachtet. Betrachten ist immer schön, selbst schlechte Argumente tragen manchmal Lidschatten. Es dauert jedoch dann länger, sie zu sezieren –  es wird sich durch die Haare gerauft, rekonstruiert und kritisiert. Im Folgenden findest du eine kleine Anleitung, um Argumente zu kritisieren.

Liebe Logik, was ist überhaupt ein Argument?

Ein Argument besteht aus mindestens einer Prämisse und einer Konklusion. Argumente können inhaltlich angegriffen werden, wenn man zum Beispiel die Prämissen nicht für wahr oder plausibel hält.

Prämisse: (1) Wenn Wachstum das Mittel ist, um Wohlstand für alle Menschen zu schaffen, dann muss Wachstum das größte Ziel sein.
Prämisse: (2) Wachstum schafft Wohlstand für alle Menschen.
Konklusion: Also (3) Das größte Ziel muss Wachstum sein.

Bei diesem Argument könnte und sollte man die zweite Prämisse angreifen. Man kann sich fragen: Schafft Wachstum zwingend Wohlstand? Und dann Gegenbeispiele finden.  
Zudem kann ein Argument auch stets formal angegriffen werden. Das bedeutet, dass ein Argument allein aufgrund seiner Form bereits ungültig sein kann. Beispiele dafür findest du im Folgenden.

„Also mein Papa sagt, dass…“

Der bekannteste logische Fehlschluss ist ein Autoritätsargument. Obama findet zum Beispiel diesen Artikel super, hat er mir gesimst. Also ist er gut! Oder auch: Nur weil meine Professorin sagt, dass sie bedingungsloses Grundeinkommen gut findet, ergibt sich dadurch noch nicht die Wahrheit ihrer These – bloß ein Gedankenanstoß.  Der Verweis auf eine Autorität ist nie eine gute Begründung für eine These. Weitere Fehlschlüsse, die allein bereits durch ihre Konstruktion als schlechtes Argument gelten, findet man immer mal wieder hier und dort. Aber dort ist nicht so schlimm wie hier, sagt die Frau im Fernsehen.

Da gibt es beispielsweise Politiker*innen, die ein Argument von der Sachebene weg und auf eine persönliche Ebene zerren (Fehlschluss ad-hominem). Das sieht dann so aus:

Person A: Ein bedingungsloses Grundeinkommen sorgt für mehr Verteilungsgerechtigkeit!
Person B: Aber Unternehmen, denen nichts an Verteilungsgerechtigkeit liegt, fordern das auch!

Oder auch:

Person A: Kinder sollten im Malen gefördert werden!
Person B: Aber Hitler hat auch gern gemalt!

„Stickoxide sind nicht schädlich!“

Bei der Stickoxiddebatte geht es vor Allem darum, wie hoch der Wert sein darf, also wie viele Stickoxide, die beim täglichen mit dem Auto durch die Welt irren, für die Anwohner*innen schädlich sind.
Der Lungenarzt Dieter Köhler, der wohl sehr gerne Auto fährt, hat 100 Unterschriften gesammelt, um der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass es nicht erwiesen sei, dass Stickoxide die Gesundheit beeinträchtigen.
Wohlgemerkt lediglich 100 Unterschriften, dabei ist er gut vernetzt als ehemaliger Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP), die an die 4.000 Mitglieder verzeichnet. Neben der Tatsache, dass Lungenärtz*innen nicht die Kompetenz besitzen, dies zu bewerten, haben die unterzeichnenden Ärtzt*innen auch keine gegenteiligen Studien vorgebracht. Doch auch ihr Argument an sich ist ein Fehlschluss. Laut den unterzeichnenden Lungenärzt*innen würden die vorliegenden Studien keine Kausalität zwischen Stickoxiden und der Gesundheit aufzeigen. Lediglich eine Korrelation, also ein nebeneinander bestehendes Phänomen, würde sichtbar. Dies als Argument zu benutzen, um Autos so viel Stickoxide ausstoßen zu lassen, wie sie wollen, ist ein Fehlschluss auf die Unwissenheit (ad-ignorantiam). Nackt sehe das Argument so aus:

Es ist nicht möglich, dass Stickoxide die Gesundheit beeinträchtigen, schließlich haben wir bisher keine eindeutigen Beweise (nur Wahrscheinlichkeiten) dafür gefunden.

Nur weil man etwas nicht genau weiß und keine Beweise für eine These hat, ist diese nicht automatisch falsch.  Von der Unwissenheit auf Unwahrheit zu schließen, ist logisch nicht möglich.

Collage: ©  Leonie Ziem

Rekonstruierst du mir die Welt?

Um Fehlschlüsse zu finden, muss man Argumente nicht unter die Lupe nehmen. Das hilft nämlich nicht, denn größere Buchstaben helfen meistens nicht, außer vielleicht bei Sehschwäche. Argumente muss man erst rekonstruieren, um sie verstehen und kritisieren zu können. Niemand setzt sich in eine Talkshow und bringt seine vorzutragenden Argumente in eine logische Normalform,  auch die Rhetorik ginge verloren. „Und was passiert bloß mit der Aufmerksamkeit ohne die Rhetorik?“ fragt die rhetorische Frage. Argumente zu rekonstruieren ist also eine nachträgliche Aufgabe. Dabei gilt das Prinzip der wohlwollenden Interpretation (principle of charity), mit dem man Argumente ließt und bei der Rekonstruktion zur Not auch Prämissen ergänzt.  Denn selbst wenn der*die Autor*in sich unklar ausdrückt, muss ein Argument möglichst fair betrachtet werden – ergänzt wird jedoch nur, wenn die Prämissen implizit auch wirklich gemeint sind.

Auch wenn man wohlwollend ist, findet man eben doch viele schlechte Argumente. Dabei stößt man vermutlich auch schnell mal auf einen Sein-Sollen-Fehlschluss, zum Beispiel: Frauen haben sich schon immer um die Kinder gekümmert, also sollten auch weiterhin hauptsächlich Frauen für die Kinderbetreuung zuständig sein.
Hier wird von einer deskriptiven Aussage (Frauen haben sich in der Geschichte meistens um die Kinder gekümmert) auf eine normative Aussage (also müssen Frauen weiterhin für die Kinderbetreuung verantwortlich sein) geschlossen.
Genauso Banane ist es zu sagen:  Wir haben schon immer zwischen Frauen und Männer unterschieden, also sollte ein binäres Geschlechtssystem das Richtige sein.

Meistens grüßen schlechte Argumente noch sehr nett und spazieren dann zum Vordereingang in wichtige Gebäude mit wichtigen Menschen oder Menschen, die gerne wichtig wären. Aber keine Sorge, Mittel um schlechte Argumente zu entkleiden, gibt es, man muss sie nur einsetzen. Zum Fazit des Textes kann man vernehmen: „Ein Argument ist automatisch dann schlecht, wenn es einen Fehlschluss beinhaltet.“ Zumindest sagt das die Logik, diese Besserwisserin. Diese Autorität greifen wir später an, zunächst sind noch ein paar schlechte Argumente dran.

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